Die Straße der Welt, die Welt der Straße

Er geht die Straße zu einem noch nicht erkennbaren Ziel hinunter, tastet sich an einer unsichtbaren Wand entlang, die ihn geradewegs ins Verderben zu führen scheint. Auf halbem Wege – oder war es gleich am Anfang? – steht ein Mädchen, keine zehn Jahre alt. Dieses vermeintlich unschuldige Geschöpf lächelt ihm zu, er aber ist nicht in der Lage, sich aufhalten zu lassen. Er kann nicht anders – er schlägt dem Kind zunächst mit der flachen Hand ins Gesicht und als das Gesicht desselben sich zu einer dämonischen Fratze verzieht, schlägt er nochmals zu, dieses Mal mit der Faust und so fest, dass der Teufel zu Boden fällt. Er wandert der gefühlten Wand entlang weiter, es kümmert ihn wenig, dass hinter ihm Schaulustige, die alle wild gestikulieren, eine Traube um das blutende Kind gebildet haben, das nun seinen zarten Körper aufrichtet und ihm grinsend nachstarrt. Ein kurzes Umdrehen hätte genügt, er wäre von seinem Weg abgekommen und hätte im Rückwärtsgang die Qual womöglich erneut durchlebt. Dies aber geschieht nicht, weil die Wand weiterhin existiert und nicht etwa weil er entschlossen das Gute vor Augen nicht verlieren will. Wonach riecht es? Lavendel? Ist das der süße Duft, den er in sich aufnehmen muss, um weiter vorwärts zu gelangen, wenn die Wand zu Ende ist? Doch sie wird nicht zu Ende sein, auch nicht wenn zwei Kater versuchen, sich gegenseitig zu kastrieren. Das ist das Miauen, das er hinter der Wand zu hören glaubt. Doch auch die Blumen auf dem Balkon miauen, noch grässlicher als das teuflische Kind, das ihn nun verfolgt. Kein Blut wäre mehr zu sehen gewesen, hätte er sich umgedreht. Das Blut, es ist jetzt auf den Blumen, die sich als Katzen entpuppen, als er den Spiegel entdeckt und versucht, durch ihn hindurch zu sehen. Durch die Wand, die ihn nun vor sich her schiebt und ihn von dem Mädchen und der eigentlichen Welt trennt. Lacht er? Wie kann er lachen, wenn er nicht weint? Oder ist es nicht vielmehr die Welt, die lacht – über ihn lacht? Wie aber steht es um eine Welt, die sich über ihre Schwächsten lustig macht? Wie soll man so einer Welt nicht mit Ablehnung und Hass begegnen? Und ihr nicht mitten ins Gesicht schlagen?

Er geht immer noch die Straße hinunter. Wie unbedeutend und zugleich unwirklich ihm alles vorkommt. Die Häuser nur Ziegel, die Autos nur Blech, die Menschen nur Haut und nichts wagt, ihm näher zu kommen. Nichts? Das Mädchen versucht über die Wand zu springen. Weiß es denn nicht, dass sie nicht existiert? Nicht für sie. Nicht für die Welt. Und dennoch schiebt die Wand ihn vorwärts oder vielmehr zieht sie ihn nun hinter sich her. Ein Fell bellt und kuscht erst, als eine merkwürdiger Hautfetzen fest zutritt. Was ist er mehr als Haut und Knochen, denkt er sich bei diesem Anblick. Ein Kichern. Das Mädchen? Der Teufel? Vorwärts! – die Hand an der Wand, sie vor sich her schiebend, war er gezwungen, weiter zu gehen. Und dabei will er doch nur eines: ganz er selbst sein.

Nun kommt es ihm vor, als würde er Türen öffnen, obwohl er Angst hat, dahinter zu erblicken, was ihn bedrängt. Er verschließt die Augen, unwissend, dass sich der Effekt um ein Vielfaches verstärkt, wenn er sie wieder aufreißt. Wieder riecht es nach Lavendel. Oder ist es die blaue Blume, nach der es nun duftet? Die Wand sieht er noch immer nicht, doch sie ist da – und das dämonische Wesen springt, Katzen fressend, seiner Spur hinterher. Er dreht sich nicht um. Nein, es muss alles anders sein, er muss geradewegs ins Verderben rennen.