Das letzte Neue aus Istanbul (Tag 7)

Der Morgen war ziemlich aufregend, denn zum ersten Mal habe ich es nachts geschafft, meinen lieben Freund dabei aufzunehmen, wenn er im Schlaf spricht. Hab’s die ganze Woche probiert und wurde sozusagen am Ende belohnt. Abgesehen davon, dass mich seine Redereien stets geweckt haben, find ich es recht cool, was Leute im Traumzustand so von sich geben. Aber interessanter noch finde ich, dass sie sich an nichts erinnern können. Weder dass sie sich aufgesetzt und die Augen geöffnet noch dass sie mit dir gesprochen haben. Auch mein lieber Freund konnte sich an unser Gespräch von letzter Nacht nicht mehr erinnern. Als ich es ihm vorspielen wollte, hat er sich wie ein Kleinkind die Finger in die Ohren gesteckt, damit er es nicht hört. Merkwürdige Reaktion, oder? Jeder andere würde wohl gerne wissen, was er so von sich gibt, wenn er träumt. Ist doch witzig. Das Frühstück fand wie gewöhnlich ohne ihn statt, vermutlich weil er das nun erhaltene Wissen, dass er im Schlaf redet, verarbeiten und reflektieren musste. Die Theorie, dass er den Frühstücksraum nicht findet, ist jedoch auch noch nicht widerlegt. Egal.
Gegen 9:15 fuhren wir mit der Tram nach Kabatas und nahmen von dort die Fähre zum asiatischen Teil. Ziel war eine der Prinzeninseln (genauer gesagt die dritte namens Heybeliada). Die Fahrt dauerte ziemlich lange (ca. 90 Minuten), mein lieber Freund schoss inzwischen ungelogene 120 Fotos, sagte jedoch zu mir – ohne mit der Wimper zu zucken –, er sei kein Tourismus-Fotograf. Mittlerweile sind es 5157 Fotos auf den drei Speicherkarten (ohne Nummerierung, Kategorisierung etc.). Normalerweise trifft man sich nach einer längeren Reise oft auf einen Revival-Abend und sieht sich die Fotos an. Wenn mein lieber Freund Gastgeber solch eines Revivals wäre, würde es wohl eine Woche dauern.
Als wir endlich in Heybeliada ankamen, erwarteten wir uns sinngemäß ein dichtes inhaltliches Programm. Umso erstaunlicher war es, als der Professor nach einem kurzen Input den fachlichen Teil der Exkursion für beendet erklärte und uns auf der Insel drei Stunden zur freien Verfügung schenkte. Ich habe diese Stunden genutzt, um einen türkischen Apfeltee zu trinken und um auf den Hügel der Stadt für eine tolle Aussicht zu spazieren. Anschließend ging es mit der Fähre zurück nach Kabatas. Dort trennte sich die Gruppe. Ich fuhr mit einigen unseren Mädels in ein Einkaufscenter in der Nähe. Objekt der Begierede: Victorias Secret. Ich wollte meiner süßen Freundin unbedingt etwas mitbringen, aber zu unser aller Enttäuschung gab es nur eine Kosmetikabteilung von VS. Mit einer Kollegin spazierte ich daraufhin auf die Istiklal, die anderen nahmen die Metro nach hause. Ich wollte unbedingt zu Shake Shack und zwei Burger als Abendessen ins Hotel mitnehmen, sie wollte zum Hard Rock Cafe.
Im Hotel angekommen habe ich das Argentinien-Spiel geschaut, letzte Erledigungen gemacht und dann das Deutschland-Spiel mitverfolgt.
Ein letztes verstörendes Gespräch mit meinem lieben Freund über Wasserflaschen will und kann ich nicht mehr wiedergeben, viel zu zusammenhanglos erscheint es bei retrospektiver Betrachtung. Vor dem Schlafengehen zeigt er mir noch die Tischdecke, die er für seine Eltern als Mitbringsel gekauft hat. „Ziemlich klein“, meinte ich. „Nein, das sind so kleine Deckchen für den Tisch, kennst das nicht?“, antwortete er. „Nein, aber vielleicht ist sie einfach nur für einen kleinen Tisch gedacht“, schlussfolgerte ich. Völlig überraschend für uns beide stellte er dann fest, dass es doch keine Tischdecke war, sondern ein Polsterbezug. Herrlich.
Danach schlief er ein, wachte kurz auf und fragte mich, ob ich das Hotel schon ausgesucht hätte und was wir jetzt noch großartig zusammenpacken werden. Ahnungslos fragte ich ihn, ob er verwirrt sei und von welchen Hotels er spricht. Er sagte mir, er besitze eine Liste mit den Kontaktdaten aller Hotels.
What??

Gespräch beendet. Reise beendet.

 

 

Neues aus Istanbul (Tag 6)

Der Tag begann tatsächlich ohne Zwischenfälle. Mein Frühstück bestand wie üblich aus Kaffee, ein paar Stückchen Börek mit einer speziellen ClaritynBioflorinParkemedPureAntiStress- Füllung. Mein lieber Freund hat das Frühstück wieder mal ausgelassen, weil drauf vergessen oder nicht hingefunden oder bewusst. Man weiß es nicht.
Gegen 9:15 sind wir mit der Marmaray (Metro unter dem Bosporus) nach Üsküdar (asiatischer Teil) gefahren und haben dort den gecharterten Bus bestiegen. Selber Busfahrer, selber Reiseleiter (Murat), ihr erinnert euch. Die erste Station war das Viertel Fenerbahce (in Kadiköy) – ein sehr reicher Teil der Stadt, am Marmarameer gelegen. Nach einer kurzen Kaffeepause, in der ich vor allem schockiert war, dass einige unserer Mädchen die herumstreunenden Katzen (vierbeinige Krankheitserreger) streichelten, hielten wir als nächstes auf der Bagdad-Straße, der wohl hochwertigsten Einkaufsstraße der Stadt. Sinngemäß erhielten wir jedoch nur einen 10-minütigen Einblick in die Hochwertigkeit der Waren – und ich in die Qualität des mit Spinat gefüllten Blätterteigs. Wir fuhren anschließend der Küste entlang gen Osten. Sehr eindrucksvoll die schönen Häuser zur linken und das Meer und die Parkanlagen zur rechten Seite. Man merkt, dass hier die vermutlich reichste Bevölkerung der Stadt zuhause ist. Je weiter wir uns Richtung Osten fortbewegten, desto ländlicher wurde es und desto mehr sank die Qualität der Häuser und Straßen. In Kurtköy sahen wir den asiatischen Flughafen der Stadt (ein dritter ist momentan in Planung/Bau) und in Tuzla den Formel 1 Ring, mit dem die Stadt wirtschaftlich brutal eingefahren ist. Istanbul hat hier sehr viel investiert und dank Ecclestones Launen wohl auch sehr viel verloren. In Tuzla machten wir kehrt und fuhren nördlich ins Landesinnere. Unglaublich eigentlich, dass das alles immer noch Istanbul ist. Die Stadtbezirke wirken im Prinzip wie eigene Städte und das ländliche Setting vermittelt eigentlich einen nicht urbanen Raum. Nächster Stopp war Atasehir, wo ich mit ein paar Kolleginnen in der Gourmet Garage mein erstes gutes und gesundes Essen der Reise eingenommen habe. Sehr empfehlenswert dieses Lokal, weil vor allem untouristisch (keine Speisebilder, nur türkische Beschriftung). Danach ging es – man glaubt es kaum – in die hiesige Moschee. Die Mimar Sinan Moschee, benannt nach dem im Islam berühmten Architekten Sinan (ein Christ!!!!!!), ist eine sehr moderne, erst kürzlich erbaute Gebetsstätte, die sich durch eine elegante Bauweise und einen unterirdischen Basar (Einkaufscenter ähnlich) auszeichnet. Über die Geschäftsmieten und den Zekat finanziert man die sozialen Einrichtungen (Armenküchen, Hospitäler, Schulen etc.), die zu allen großen Moscheen gehören (= Stiftungskomplex).
Nächster Zwischenstopp war Camlica, wo wir einen tollen Blick auf den Bosporus hatten und wo auch eine neue Moschee errichtet werden soll (mit sechs Minaretten und 107,1 Meter). Letztere Zahl referiert auf die Schlacht um 1071, in der die türkischen Seldschuken die Byzantiner besiegt und damit die Eroberung Anatoliens eingeleitet haben. Über die erste Bosporusbrücke ging es dann zurück in den europäischen Teil, wo wir in einem kleinen Viertel (Name nicht bekannt) einen kurzen Stopp gemacht haben, um zu fotografieren und das traditionelle Istanbul kennenzulernen. Ich – ganz im City Bound Feeling – habe mit den Kids ein wenig Straßenfußball gespielt. Mit einem Fruchtkern. Sinngemäß.
Danach ging es zurück ins Hotel. Am Abend fuhr ich mit zwei Kolleginnen nach Beyoglu zum Flanieren auf die Istiklal Caddesi und auf ein paar Drinks in einer bei Jugendlichen beliebten Seitengasse. In einem Pub haben wir dann bei türkischer Livemusik den Abend inmitten mitsingender TürkInnen ausklingen lassen. Das wohl schönste und coolste Erlebnis dieser Reise. Eigentlich hätte mein lieber Freund auch mitkommen sollen. Aber weil ich ihm sagte, dass er nur ohne Fotoapparat mitgehen darf, weil wir nicht wie TouristInnen herum steigen möchten, entschied er sich um. So war’s zunächst. Dann habe ich ihm mitgeteilt, dass er gerne auch mit Kamera mitkommen kann, wenn er so streng japanisch ist. Keiner wird ihm seinen Glauben verbieten. Als er dann nur in kurzer Panier, aber dafür mit Regenschirm kam, wir ihm sagten, ein Pullover wäre bei den Witterungen vielleicht nützlich, war er so überfordert, dass er sich umentschied und mit anderen KollegInnen Essen ging. Auch gut. Weniger zum Schreiben.
Außerdem kann ich die Frage „What do you mean?“ eh schon nicht mehr hören..auch auf Deutsch nicht.