Memoiren eines Schülers


„Hallo Mädels! Na, habt ihr schon was vor heute Abend? Nein? Gut! Kommt doch zu Eddie. Wir feiern ein bisschen.“

Hi! Ich bin Ted und ich bin sechzehn Jahre alt. Ich habe ein Problem. Ein Problem, das nicht selten, doch für jemanden in meinem Alter etwas ungewöhnlich ist. Was es ist, werdet ihr noch erfahren. Mehr dazu später.

Zunächst will ich euch noch die anderen Jungs vorstellen. Der großgewachsene blonde Junge neben mir ist Jeffrey, ein sechzehnjähriger Lacrosse-Spieler. Er hält sich selbst für den nächsten Gary Gait, aber in Wirklichkeit trifft er aus kurzer Entfernung ein Hochhaus nicht. Ganz anders als auf dem Spielfeld, wo er überhaupt keinen Plan hat, weiß er mit den Mädchen umzugehen. Die drei heißen Mädels, die er gerade angesprochen und eingeladen hat, sind richtig umwerfend. Sie gehören zu den begehrtesten Frauen der Schule. Aber dazu kommen wir auch noch später.

Der degenerierte Typ vor mir ist Gacy. Er ist ein wenig zurückgeblieben – zumindest was die Denk- und Lernfähigkeit anbelangt. Außerdem scheint er ein wenig paranoid zu sein. Laut seinen abstrusen Theorien ist die ganze Welt gegen ihn. Alle haben sich gegen ihn verschworen um ihm das Leben zur Hölle zu machen. Ohne meinen Verhandlungskünsten hätte er es wohl nicht mal in die sechste Klasse geschafft. Ich sollte wirklich darüber nachdenken Anwalt zu werden. Egal. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt um Zukunftspläne zu schmieden.

Einer fehlt noch. Der vierte im Bunde ist Eddie. Seine Eltern haben sich vor kurzem getrennt. Er spielt mit Jeffrey in einer Mannschaft, doch im Gegensatz zu ihm hat er wirklich Talent. Zu seinem Pech leidet er ziemlich an der Scheidung und kann sein Potenzial nicht ausschöpfen. Er ist nicht mit voller Konzentration bei der Sache. Er lebt bei seinem Vater, doch dieser ist meistens bei seiner neuen Freundin. Ein Umstand, der zwar für Eddie nicht so toll, jedoch für uns anderen umso toller ist – denn das bedeutet, dass wir eine sturmfreie Bude haben.

Ich habe schon alles besorgt. Eddie trinkt nur selten, aber wenn – dann richtig! Jeffrey gibt nur damit an und Gacy ist unentschlossen.

Ich würde sagen, dass meine drei Freunde im Laufe des Abends die nächste Stufe ihres Lebens errreichen werden – Gacy zumindest. Fragt sich nur zum wievielten Male schon. Wie gesagt, er weiß nicht viel und manchmal glaube ich, dass das auch gut so ist. Für Jeffrey hab ich mir etwas anderes überlegt – dieses Großmaul. Eddie kann machen was er will.

Eine Kiste Bier, ein zusätzliches Six-Pack und ein paar Flaschen Martini Asti für unsere weiblichen Gäste sind eingekühlt. Heute ist Mittwoch, doch das stört uns relativ wenig. Wir gehen alle vier in die selbe Klasse und wir wissen, dass man donnerstags nicht nüchtern sein muss.

Ich finde dieses übertriebene Gesaufe ja kindisch, doch muss ich den Schein wahren. Ich muss so tun, als ob es das Größte wäre. Heutzutage ist das Image eines Teenagers das Wichtigste und das Komasaufen ist seine Visitenkarte. Frei nach dem Motto: IN ist, wer BLAU ist. Bei den Polizisten scheint das ja schon seit Jahren so zu sein. Ich meine wegen den Uniformen – nicht das was ihr denkt.

Auf den heutigen Abend bin ich gar nicht so gespannt, denn ich kann euch jetzt schon verraten wie er ablaufen wird. Die Jungs werden versuchen sich so schnell wie möglich zu besaufen, damit sie länger mit den Mädchen Sex haben können, die sie noch schneller als sich selbst abgefüllt haben.

Was mich eher interessiert, ist der morgige Tag. Es wird ein ziemlich lustiger Schultag werden.

Der nächste Morgen…(eine Prophezeiung später)

Es ist fast sieben Uhr morgens. Ich trinke immer noch und das Traurige daran ist, dass ich nicht mal betrunken bin. Ich habe natürlich allen was vorgespielt. Hab mehr gelacht als sonst, ein wenig gelallt und sogar die Nationalhymne mitgegrölt, als Eddie sie um Mitternacht angestimmt hat. Eddie sitzt übrigens neben mir, sein Kopf hängt zur Brust. Gacy tanzt mit der süßen kleinen Brasilianerin und Jeffrey kommt gerade aus dem Schlafzimmer getorkelt. Er hat die kleine Blonde  verführt, die vorhin Eddie noch oral befriedigt hat. Ich finde es erschütternd, dass er nicht mehr gerade aus gehen kann. Er redet wirres Zeug und prahlt wie betrunken er ist. Immerhin hat er ein Six-Pack Bier alleine ausgetrunken. Was der Idiot allerdings nicht weiß, ist, dass es Clausthaler waren.

So steht er nun da, spielt uns den Betrunkenen vor und glaubt, dass WIR die Ahnungslosen sind – armer Junge.

Schön langsam muss ich alle einsammeln. Der Bus zur Schule fährt bald. Ich gebe jedem ein sogenanntes Reparatur-Bier gegen den Kater und für die Stimmung. Die Mädels lehnen ab. So gesehen kommt der sturzbetrunkene Jeffrey doch noch zu seinem ersten Alkohol heute. Gacy weiß sowieso nicht was vor sich geht und Eddie, der kurzzeitig aus seinem Koma erwacht war, schläft nun in der letzten Reihe des Busses – was bedeutet, dass fünf jüngere Schüler stehen müssen.

An der Schule angekommen, fällt mir als erstes auf, dass unser Klassenvorstand sein Auto wieder hat. Ich weiß zwar nicht wie das passieren konnte, doch irgendjemand hat seinen Wagen gestern abschleppen lassen. Naja, er wird das nächste Mal bestimmt nicht mehr in der Feuerwehreinfahrt parken. Wie verantwortungslos – wenn da etwas passiert wäre. Gut, dass da jemand so pflichtbewusst war und die Sache gemeldet hat.

Das dritte Mädchen im Bunde, die Brünette, ich kenne ihren Namen nicht mal, fasst mir plötzlich an den Arsch und lächelt. Dann geht sie schnurstracks in ihre Klasse – was unter „leider“ fällt. Die anderen zwei Hübschen folgen ihr. Ich manövriere den Rest der Gruppe in den Chemieunterricht, der meistens uninteressant ist, doch heute ist Ethanol das Thema und alle hören zu wie die Musterschüler.

Danach folgt eine Doppelstunde „Bildnerische Erziehung“, die immer sehr lustig ist. Der Professor ist ein seniler alter Trinker, der damit aufhören musste, weil seine Leber sonst nicht mehr mitgemacht hätte. Jetzt ist er nur noch senil.

„Kinder, hört mir zu! Ich versichere euch, dass die Wasserfarben völlig ungiftig sind“, will er uns beruhigen.

„Das glaub ich nicht“, ruft Jeffrey. Jedes Mal dasselbe.

Und wie jedes Mal trinkt der senile Trottel einen ganzen Becher voller Wasserfarben.

„Glaubt ihr mir jetzt?“

„Aber natürlich Herr Professor!“

Ich frage mich ob seine Leber wirklich aufgrund des Alkohols kaputt geworden ist. Der arme alte Mann.

Wenn ich ihn da so stehen sehe – wie er uns den leeren Becher zeigt und lächelt, kommt es mir jedes Mal in den Sinn, dass er eigentlich Gacys Vater sein könnte. Ich lache bei dem Gedanken laut los, was nicht unüblich ist – betrunken wie ich sein müsste. Ich werde aus der Klasse zitiert. Ein Umstand, der mir gefällt, denn so kann ich in Ruhe den Flachmann aus meiner Jackentasche holen und ein Schlückchen trinken.

Mathematik – die vierte und letzte Stunde! Wir vier erleben diesen überaus geistreichen und nützlichen Unterricht  nur zur Hälfte, da der Lehrer merkt, dass wir angetrunken sind und uns zum Direktor schickt. Unser Direktor ist ein netter Mann. Ein Säufer vor dem Herrn, aber das Herz am richtigen Fleck. Das Lustige ist: Er und Ich – Wir haben den selben Flachmann.

Der unrasierte Bart und sein schiefer Blick deuten daraufhin, dass er gestern auch bei Eddie hätte zu Gast gewesen sein können. So stehen wir nun da – in seinem Büro. Der nüchterne Ted, der so tut als wäre er betrunken und der betrunkene Direktor Berkowitz, der so tut als wäre er nüchtern. Meine drei Freunde hat er schon suspendiert und nun schreit er auch mich ordentlich an.

„Du spielst mit einem Verweis Junge.“

„Ach, kommen Sie Herr Direktor. So fett sind wir ja gar nicht.“

„Bist du denn verrückt? Kommst angetrunken zum Unterricht. Was fällt dir überhaupt ein?“

Und das aus seinem Mund.

„Sie sollten das nicht so überbewerten. Nehmen Sie’s locker. Eigentlich müssten sie uns loben.“

„Waaaaas? Ich soll euch auch noch loben. Wieso?“ Nun passt das Rot seines Kopfes endlich auch zum Rot seines Hemdes.

„Immerhin kommen wir in die Schule. Andere hätten sicher geschwänzt.“

Durch seine wilde Gestik fliegt sein Flachmann aus der Sakkotasche.

„Ist das DEIN ERNST?“

„Nein“, sage ich und hole meinen Flachmann aus der Jackentasche. Ich zeige ihn dem Direktor und sage: „Das ist MEIN ERNST!“

Plötzlich fängt er an loszubrüllen, und als ich ihm sage, dass er sich glücklich schätzen kann, da Schüler in anderen Schulen weit größere Dummheiten machen, wie z.B. Amok laufen, ist er mit seiner Geduld am Ende. Er appelliert an meinen Ernst und dessen Haftigkeit. Großzügig und scharfsinnig wie ich bin, reiche ich ihm natürlich meinen Flachmann, aber er blickt mich nur verwirrt an. Die Situation beginnt zu eskalieren.

Der Direktor jagt mich zur Tür hinaus. „Lass dich nie wieder in meiner Schule blicken. Du hast ein riesengroßes Problem. Du kannst meinetwegen auf dem Bau arbeiten, aber lass dich hier nie wieder blicken.“

Ich weiß nicht. Ob ich mein Problem wirklich in den Griff bekomme, wenn ich auf einer Baustelle arbeite?

Ich verlasse die Schule langsam und auch traurigen Schrittes – ehe ich mich noch ein letztes Mal umdrehe und das schöne Marmorschild betrachte auf dem groß und breit steht:

Harald Juhnke-Realgymnasium

 

 

 

Einige Geschichten aus meiner Vergangenheit mögen ja lustig sein, doch hab ich mein Problem bis jetzt noch nicht in den Griff bekommen. Ich bin jetzt über vierzig Jahre alt und der Alkoholismus hat mich besiegt. Ich habe meine Familie und meinen Job verloren und seit kurzem besitze ich auch keine funktionierende Leber mehr. Ich habe alles versoffen, was ich mir aufgebaut habe. Wenn ich zurückdenke an die Anfänge und noch einmal die Zeit zurückdrehen könnte – würde ich so gut wie alles ändern. Der Alkohol hat mein Leben ruiniert und viele Jugendliche wissen gar nicht wie gefährlich diese legale Droge ist. Wenn ich nicht gerade in der Klinik bin, halte ich an Schulen Vorträge über das größte Problem der Gesellschaft : ALKOHOL!!

Diese Droge wird unterschätzt und genau das macht sie so gefährlich. Ich sage den Jugendlichen, dass sie es nicht übertreiben oder am besten ganz die Finger davon lassen sollen. Doch von Zeit zu Zeit reizt es mich und ich muss die eine oder andere lustige Geschichte erzählen. Doch die Geschichte meines Lebens ist alles andere als lustig und gilt als Paradebeispiel dafür, wie man es nicht machen sollte und wie der Alkohol ein Leben zerstören kann.

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