Aus dem Volk – für das Volk


Heute ist der 10.Oktober – ein großer Feiertag für Kärnten. An diesem Tag vor genau 90 Jahren sind wir unabhängig geworden. Der südliche Teil Kärntens würde nicht zu Österreich gehören, wenn sich nicht slowenisch sprechende Kärntner bei der damaligen Volksabstimmung für unser Land entschieden hätten –  jene Menschen, die noch bis vor kurzem von den Feierlichkeiten ausgeschlossen waren. Grotesk?

Ich muss zugeben, dass ich nicht besonders auf historische Daten und Ereignisse achte, doch weiß ich ihre Bedeutung zu schätzen.

Mir brennen allerdings einige Fragen auf der Zunge: Wie sehen das die Menschen in meiner Umgebung? Was bedeutet ihnen dieser Tag und warum berührt er sie?

Einen Spaziergang zu machen, ist meine Art und Weise herauszufinden, wie meine Mitmenschen ticken. Eine große Veranstaltung, „ein Akt der Selbstverherrlichung“, findet auf dem „Neuen Platz“ statt. Vielleicht schaue ich dort vorbei.

Schon nach den ersten Metern sehe ich einen meiner Nachbarn, der gerade dabei ist, eine Kärnten-Fahne auf seinem Balkon zu montieren. Da ich ihn vom Sehen kenne, nähere ich mich ihm langsamen Schrittes und grüße freundlich.

„Einen schönen Feiertag wünsche ich dir.“ Etwas Besseres ist mir nicht eingefallen. Ich duze ihn  –  ein Trend der heutigen Gesellschaft.

„Wünsche ich dir ebenfalls. Hast du deine Fahne schon aufgehängt?“

„Nein. Ich besitze keine.“

„Ist nicht dein Ernst. Wieso nicht?“

„Ist mir zu teuer.“

„Soso. Du bist aber schon ein echter Kärntner oder?“ Er fragt, als würde er mich in eine Falle locken wollen.

„Vom Scheitel bis zur Sohle. Und du?“

„Machst du Witze? Ein waschechter Kärntner wie er im Buche steht.“ In welchem Buch frage ich mich still und leise. Egal.

Erst jetzt fällt mir der Pullover auf, den er anhat. Ich finde die Farbe orange sehr schön, auch den V-Ausschnitt.

Sofort lädt er mich auf ein Getränk bei sich zuhause ein. Ein Angebot, das ich wohl kaum ausschlagen kann. Vermutlich hat er das Gefühl, mir ein wenig Heimatkunde beibringen zu müssen. Ich bin schon gespannt,  auf welche Seite die Münze fällt – oder, um es noch besser auszudrücken, wes Geistes Kind er ist.

„Glabischnig“ – steht auf dem Namensschild auf der Eingangstüre. Wir treten ein und ich werde positiv überrascht. Seine Wohnung ist größer als meine, schön dekoriert und vor allem sauber. Was mich etwas verwundert, ist, dass die Wohnung geschmackvoll eingerichtet ist. Alles scheint seinen Platz zu haben – Feng Shui lässt hier wirklich grüßen. Ich nehme auf der hellen Couch Platz. Das einzig Störende ist das schlechte Licht, denn es gibt hier nur wenige Fenster, und auch der Dimmer trägt das Seinige dazu bei. In diesem Licht betrachtet, kommt mir sein schöner Pullover irgendwie dunkler vor. Würde mich jetzt jemand nach der  Farbe fragen, würde ich „blau“ sagen.

„Trinkst du gerne Wein?“, fragt er mich.

„Darf ich mir das aussuchen?“, ist meine freche Gegenfrage.

„Natürlich!“

Ich mag Rotwein, „Hillinger“ besonders.“

Zu meiner Überraschung sagt er: „Ich habe einen „First Hill“ – hat mir neulich ein Bekannter geschenkt!“

„Ein fantastischer Wein. Die Dame bei Wein&Co. beschreibt ihn als jugendlich, und obendrein gibt es ihn jedes Jahr nur für kurze Zeit“, kläre ich ihn auf.

„Okay, du hast mich überredet. Lass uns ihn trinken.“

Er geht zurück in die Küche, und als er wenig später in das Wohnzimmer zurückkehrt, hält er zwei halb volle Weingläser in Händen. Er setzt sich zu mir und wir stoßen an. Weder er noch ich lassen den Weinkenner heraushängen – wir trinken einfach.

„Schmeckt wirklich gut“, urteilt er.

Direkt wie ich bin, komme ich  gleich zur Sache.

„Was feierst du heute eigentlich?“

„Was meinst du? Das Ergebnis der Volksabstimmung und die damit verbundene Unabhängigkeit natürlich. Du hast in Geschichte wohl immer geschwänzt, was?“

„Scheint so“, sage ich.

„Das ist unser Tag. Diesen Feiertag trage ich im Herzen“, erklärt er mir.

„Findest du es nicht auch gut, dass die Kärntner Slowenen endlich an dieser Feier teilnehmen dürfen?“, frage ich ihn.

„Ich weiß nicht, was die zu feiern haben. Immerhin gehören sie jetzt zu uns und nicht zu Slowenien.“

„Dir ist schon klar, dass wir den Slowenen die positive Abstimmung zu verdanken haben, oder?“, frage ich ihn. Er blickt etwas mürrisch.

„Mir ist das egal. Ich mag sie nicht.“

„Wieso nicht?“

„Weil sie nur Forderungen stellen.“

„Welche denn?“

„Dauernd wollen sie zweisprachige Ortstafeln und was weiß ich noch was.“

„Es stört dich also, dass sie wollen, was ihnen zusteht?“

„Nichts steht ihnen zu. Sie müssen froh sein, dass es ihnen bei uns so gut geht.“

„Du kennst den Staatsvertrag, oder?“, frage ich etwas zynisch nach.

„Ja! Ich weiß schon, dass irgendwelche Politiker vor langer Zeit beschlossen haben, dass es zweisprachige Ortstafeln geben soll.“

„Was stört dich daran?“

„Es geht um‘s Prinzip. Es ist unser Land, und die Orte sollen verdammt noch mal in unserer Sprache auf den Tafeln stehen.“

„Wenn du etwas machst, eine Arbeit zum Beispiel, dann steht dir dafür Geld zu. Was würdest du sagen, wenn du einfach keines bekommst, weil dein Chef sagt: Es geht um‘s Prinzip.“

Er überlegt kurz.

„Du kannst nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Der Haider hat schon recht gehabt, als er gesagt hat, dass die Minderheit der Kärntner Slowenen nur fordert, weil sie will – nicht weil sie braucht.“

„Wofür steht Haider heute eigentlich noch? Abgesehen von Skandalen, Freunderlwirtschaft und fahrlässigem Verhalten?“, kontere ich provokant.

„Sowas kannst du nicht sagen. Er hat zumindest etwas für das Volk gemacht.“

„Was zum Beispiel? Woran kannst du dich erinnern?“

„Ich weiß nicht – viele Dinge. Alles, was er gesagt hat, hat immer irgendwie gestimmt.“

„Ist dir vielleicht mal in den Sinn gekommen, dass es dem intelligenten Haider ziemlich  egal war, ob auf den Ortstafeln die Orte in deutscher und slowenischer Sprache stehen?

„Wieso hat er sich dann so dagegen gewehrt?“, fragt er mich.

„Nur wegen der Wählerstimmen. Er hat das gemacht, was nötig war, um zu gewinnen. Und jetzt, nach seinem Tod, kommt  langsam ans Tageslicht, wie sehr er uns alle, aber vor allem seine Wähler, verarscht hat.“

„Das stimmt nicht“, verteidigt mein Nachbar sein Idol.

„Wie gesagt –  langsam lichtet sich der Nebel. Niemand erwartet, dass es alle gleich kapieren.

„Weißt du, was mich noch an unseren Slowenen stört?“, geht mein Nachbar wieder in die Offensive.

„Nein, was denn?“

„Ihre Hochnäsigkeit.“

„Hochnäsigkeit?“

„Ja. Ich erkenne einen Slowenen aus hundert Metern Entfernung. Ich habe früher in Bahnhofsnähe gearbeitet, und einige von ihnen gehen dort bei diesem Müsli-Haus ein und aus. Tun so, als ob sie etwas Besseres wären – ihre Nase schaut dabei zum Himmel.“

„Bei welchem Haus?“, muss ich nochmal nachfragen. Ich glaube, mich verhört zu haben.

„Bei diesem Müsli-Haus oder Müsli-Institut – beim Bahnhof. Kennst du doch, oder? Da habe ich viele gesehen, die auch wegen der Ortstafel-Frage regelmäßig in der Zeitung waren. Glaub‘ mir, die lachen über uns und arbeiten tun sie sowieso nicht gern“, behauptet mein Nachbar.

„Weißt du, dass der slowenische Kindergarten am längsten von allen Kindergärten offen hat?“, frage ich ihn.

„Nein! Warum? Was spielt das für eine Rolle?“

„Er hat deshalb so lange geöffnet, weil die slowenisch-sprachigen Eltern aufgrund der Tatsache, dass sie sehr lange und hart arbeiten, ihre Kinder erst später abholen können.“

„Du bist doch wohl kein Slowene oder?“, fragt er mich etwas ängstlich.

„Nein“, antworte ich.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass mein Nachbar Glabischnig heißt?

„Wir müssen dir unbedingt eine Fahne besorgen.“

„Ach, lass gut sein“, schwäche ich ab. „Ich brauche das nicht!“

Ihn scheint diese Antwort wirklich zu enttäuschen

„Du bist ein wirklich eigenartiger Kärntner, weißt du das?“

„Ich weiß, aber Käsnudel esse ich gerne – falls dich das beruhigt.“

Er schüttelt den Kopf. Ich glaube, Wut in seinen Augen erkennen zu können.

Ich blicke auf die Uhr und muss feststellen, dass die Zeit rasend schnell vergangen ist. Aufgrund unserer Diskussion scheinen die Stunden wie Minuten verflogen zu sein.

Es ist an der Zeit das Reich meines Nachbars zu verlassen.

Er begleitet mich zur Tür. Im Licht des Stiegenhauses sieht sein Pullover komischerweise wieder orange aus. Ich kapier das nicht. Vielleicht muss ich wirklich zum Augenarzt.

Ich schwanke hinaus – zurück ins Freie.

Glabischnig und ich, wir wohnen zwar im selben Gebäude, haben aber verschiedene Eingänge.

Während ich die Stufen überwinde, die mich zurück in meine Wohnung führen, lasse ich unser Gespräch noch einmal Revue passieren.

Es ist bewundernswert, wie sehr mein Nachbar sich ohne konkretes Wissen für etwas einsetzt. Was wird er wohl von mir denken? Fahnenlos wie ich bin.

Zugegeben: Weit bin ich mit meinem Spaziergang nicht gekommen, aber trotzdem habe ich beinahe jeden dritten Kärntner kennengelernt!

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