Jugend in einer österreichischen Stadt

An gewöhnlichen Januartagen kann man, von der Radetzkystraße kommend und Goethe wie Schiller hinter sich lassend, neben dem Stadttheater einen Baum sehen, dessen dürren Äste jedes Jahr aufs Neue andeuten, dass er bald das Zeitige segnen wird. Doch der Baum und seine Äste, sie halten durch, jedes Jahr, jeden Winter – und im Frühling blühen seine Blätter, aber längst nicht so, dass man im Oktober glauben kann, ein Engel habe eine Fackel fallen lassen. Verblassen, trist und verlassen ist das Bäumchen hier verwurzelt und blickt neidisch auf die Nachbarn, die sich in weniger Entfernung zu Gruppen zusammenschließen und herüber starren. Doch der Baum scheint stark, ohne Feuer, ohne Glut bleibt er fest verwurzelt und nichts, nichts bringt ihn hier fort. Kein Winter, kein Frühling, kein Sommer, kein Herbst. Bleibt dort.Wer möchte also mit mir sprechen über eitle Schwäche und kristallklaren Tod, wenn, den Baum vor Augen, die Stärke sich mir erfüllt in einem neuen Glanz? Die Hoffnung belebt? Etwas durchbricht.
Später liegt die Stadt im Dunkeln, schwach nur schimmert das Licht von Laternen und das Feuer von Obdachlosen, die sich wärmen. Der Kanal trägt längst kein Boot mehr vom See zum Hafen, dem früheren Herzen. Nicht wegen dem Eis, auf dem die Kinder tollen, mit Schlittschuhen und Schlägern, mit Schlitten und Schuhen, mit Mützen und Pelz und Helfern und Trägern. Es war schon immer so. Seit ich sehen und denken kann, ist der fließende Kanal tot. Wozu das Herz, frag‘ ich mich, wenn man‘s nicht nützt?
In diese Stadt ist man selten aus einer anderen Stadt gezogen, weil ihre Verlockungen zu gering waren; man ist aus den Dörfern geflüchtet, der Industrie gefolgt, und hat sich in ihrer Nähe niedergelassen, weil die Unterkunft am Stadtrand immer teurer wurde. Es wird gefragt: Wo sind sie hin die vielen Felder und Länder, die Gärtnereien und der Rand? Ein Blick nach Süden zum Vorort, man sieht ihn nicht mehr, kein Anfang, kein Ende, nur noch ein großes Häusermeer. Spielend hab‘ ich es verlassen, mein Zuhause, meine Kindheit hinter mir gelassen und die Jugend im Zentrum der Stadt gesucht. Auch dort – jede Fläche mit einem Schild, wird bald verbaut, die besten Plätze wurden längst verkauft an eine Person. Ein Symbol für K. und seine Politik.
Die Durchlaßstraße hat ihren Namen immer noch wegen der Unterführung, der kleinen, die längst größere kennt. Und riesige Geschäfte ragen um sie aus der Erde heraus, erinnern uns an das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das selbst nicht mal den guten Gott kennt. Der Flughafen liegt noch immer neben dem Friedhof. Welch Glück, dass jemand darauf gekommen ist, denn es dauert nicht mehr lang, bis man ihn dort begraben kann. Die Leute in K., das muss man wissen, blicken sehr weit und denken noch weiter. Würden die Kinder noch dort stehen und ihre Arme strecken, um Flugzeuge zu fangen, sie würden wohl verrecken. Aber die Kinder sind längst nicht mehr im Freien, sondern geschützt in vier Wänden und in einer anderen Welt. Sie strecken ihre Arme nur noch, um ihre Controller von Sony und Microsoft zu kalibrieren und sich virtuell zu navigieren. Sie sprechen und spielen nicht mehr, sie täuschen es vor. Sie tun nur das, was ihnen nichts tut.
Die Schule überfordert sie nicht, dort holen sie ab, was ihnen zuhause fehlt. Aber auch das ist viel. Einmaleins hin, Alphabet her, es wird schon wer richten, ein ganzes Leben, wenn‘s sein muss; die Zukunft, die bleibt fremd. Schuld sind ohnehin die anderen, das kennen wir, wer sonst? Aus Dosen und Plastik futtern sie, lungern herum, werfen Steine auf den Baum und seine dürren Äste, entweihen das Andenken Schillers  – und Goethe, den kennen sie nicht mehr. Yolo – das Motto. Sie können alles sehen und wissen nicht wohin – aber was, ganz ehrlich, ist die Perspektive, wenn Bildung nicht hilft? Nur Schmieren und Kriechen und Kreuzerln und Nichts.

In einem Genossenschaftshaus in der Linsengasse neben deinem neuen Platz sind die Wände dünn und die Kinder, wenn sie aufhören würden zu schreien, hören die Nachbarn sich lieben und schlagen, sich helfen und beklagen. Gläser in Vitrinen klappern, Fußboden tappern, jemand stürzt – es bebt. Keine elektrische Bahn, längst nicht mehr, nur Donner, der einen aus dem letzten Schlafe holt. Such weiter! Die Tage vergehen, die Wochen, die Monate, sind vergangen.
Es lebt sich allein, aber nicht in Frieden, denn alte Frauen durchwühlen den Müll, um einen zu quälen und zu schwärzen sein Bild. Der Keller, so klein, ein Bänklein hineingepresst und einen Sack zum Schlagen und Boxen, zum Drücken und Stemmen und zum Rauslassen der Luft, die einen verdirbt. Sie warten vorm Fenster, beobachten die Schritte, die Fehler und Schwächen, sie schwärzen und schwärzen und schwärzen, um wegzublasen die Luft, die sie verdirbt. Man fragt sich: War es nicht immer so?
Und die Kinder? Sie lesen nicht mehr. Sie schauen Filme, aus denen Lustmörder entspringen, die man nicht fasst, weil sie nicht existieren. Nichts ist heute noch echt. Nur die Angst vor der Zukunft, die einen würgt und würgt und mehr zu fürchten ist, als alles andere zuvor. Die Kinder schauen sich die Augen wund, nachts, und sind müde in der Schule, am Tag, und lernen nur, die Ringe zu verdecken. Den einzigen Ofen, den sie noch anzünden, ist einer, der sie berauscht. Im Netz da chatten sie und tauschen sich aus, finden die erste Liebe, die erste Erfahrung, das erste Leid, das schon vergessen ist, bevor es sich zeigt. Nichts, nichts ist heute noch echt, viel Oberfläche und wenig Tiefe bestimmen dieses neue Leben. Virtuell, so sagt man, wird heute gelacht, nicht wirklich, nur mit Emoticons. Die Krämpfe, die bleiben dabei aus. Wie aber soll man lachen? Es ist wieder kein Geld im Haus. Keine Münze fällt mehr ins Sparschwein, auch das wurde längst verkauft, weil die Rechnungen zu hoch und die Löhne zu niedrig sind. Vor Kindern spricht man in Andeutungen, sie dürfen nicht wissen, dass das Land sich verkaufen muss, um Skandalen Rechnung zu tragen. Es wird verschwiegen, um ein Denkmal zu schützen, das keines war und keines ist.

Aber wären Menschen denn Menschen, wenn sie nicht wiederkehrend die selben Fehler begehen würden?

Wenn wir nichts haben, vertrauen wir dem, der uns gibt, und wenn wir dumm sind, vertrauen wir dem, der uns vorgaukelt zu geben und dabei nimmt. Und wenn wir erfahren, dass uns genommen wurde, so leugnen wir, wir leugnen so fest, damit wir sagen können, damals … damals war alles noch besser. Wer entlarvt sich gerne selbst als Dummkopf und Narr? Lieber steuern wir in ein schwarzes Loch und verhindern jeden, der versucht zu geben, der nicht nur gaukelt und lügt. Es muss gefragt werden: Wie lang wird es noch dauern, bis wir nichts mehr haben und alles bricht, bis Truppen marschieren und es draußen blitzt?
Es entlädt sich der pure Stolz am zehnten des Zehnten, zu Ehren von wem?, hängen überall Fahnen und Bier wird getrunken in braunen Anzügen, für unsere Gemeinschaft!, schlagen wir uns spätnachts die Schädeldecken ein. Der Baum wird hell, die Tage auch, in Ordnung ist‘s, wir sind doch gleich gesinnt; nur die mögen wir nicht, die nicht von hier sind oder die keinen dieser närrischen Anzüge tragen. Die sollen verschwinden, wie einst, wisst ihr noch?, egal wohin!, weit weg von hier.
Und wenn‘s dann einschlägt neben uns und unsere Kinder frösteln, fiebern und erbrechen, was dann? Dann werden wir töten, unsere Nachbarn und Kollegen, dann werden wir sterben und versuchen zu vergessen. Der Wind bringt das Feuer zum Glühen, der Regen wird es erlöschen. Lasst die Toten ruhen! Wir verbieten es, ihre Sünden und Fehler zu sehen. Sie haben sie mitgenommen ins Grab und würden wir buddeln und sie beschmutzen, würden wir nicht ewig bleiben können, wie wir sind. Würden uns nicht mehr gegenseitig die Köpfe einschlagen, würden keine Fremden mehr hassen und foltern können. Würden keine Kinder mehr durch vom Himmel fallende Christbäume getötet werden, würden sie nicht mehr zwischen Leben und Tod hängen oder derer mit Aufsätzen gedenken, die so zahlreich unter der Erde sind. Würden sie nicht mehr wissen, was Bomben und Zünder sind, würden nicht mehr in Ruinen spielen und dabei frieren. Würden sie nicht mehr vor sich hinstarren mit leeren Augen und nicht mehr nicht darauf hören, wenn man sie ruft. Würden meine Zeilen nicht deinen folgen.
Du vergessliche Stadt, ist die Säule am Neuen dein wahres Symbol? Der Krieg? Wollen wir uns zerstören, anstatt uns zu lieben? Unsere Kinder opfern, um unsere Wänste zu füllen? Wie kann es sein, dass Jahre lang, in diesem Land, Scheisse als Gold (gekauft und Scheisse) für Gold verkauft wurde? Gegrinst, gegrüßt, getrunken, gelogen und gestunken im selben Gewand, reichte einer dem anderen die Hand. Wer nicht zu uns, den muss man zerstören, um Utopia zu schützen, bis es von selbst zerfällt. Mit einem plötzlichen Tod … damals war alles noch besser. Da haben wir die Gräber geschaufelt für unsere Kinder und trauern nun, müssen wir sie darin liegen sehen, aber damals … damals war alles noch besser. Ist Lügen die einzige Sprache, die wir verstehen? Ja, denn nur das Lügen ist uns zumutbar! Um Wahrheit zu sehen, muss ich verschwinden.
Und erst nach Jahren werd‘ ich zurückkommen und sehen, was aus der Stadt geworden ist, ob Mauern errichtet und Gräber gegraben, ob Fahnen gehisst und Fahnen verbrannt und Menschen gehängt und Menschen verbannt, ob Kindheit geboten und Jugend verboten, ob Geist bestand – und alles verschwand. Dann werd‘ ich zurückdenken an den Baum mit den mickrigen Ästen, der standhielt der Tücke, der Gefahr und dem Wind, der, obwohl alleine und ohne Glut, fest verwurzelt in dieser Heimat bestand. Erst dann werd‘ ich ihn richtig blühen sehen, seine Farben bewundern und verstehen, dass sterben kann, wer bleibt und flieht, aber der vergessen wird, der niemals kämpft. Und rührt mir nichts ans Herz, hab‘ ich nicht alles dafür getan, dass der Engel seine Fackel fallen lässt. Und dieser Baum in blühender Flamme steht.

 

 

 

 

 

 

 

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