Neues aus Istanbul (Tag 4)

Mein heutiger Tag begann um 6:45 mit einem Lauf durch die Altstadt, vorbei an der Hagia Sophia, der Blauen Moschee, dem Eingang des Großen Basars und bis zum Eingangstor der Istanbuler Universität.  Interessant war in diesen Morgenstunden zu sehen, wie vor dem Basar die Busse angekommen und die menschen verschlafen zur Arbeit gingen. Genau diejenigen kommen müde daher gestapft, die später dann so energisch auf dich einreden. Irgendwie bin ich froh nicht solch ein Arbeit machen zu müssen.
Um 9:00 fuhren wir dann mit dem Bus nach Besiktas, einem Viertel nördlich des Goldenen Horns. Dort wird gerade das neue Besiktas-Stadion gebaut, das das größte und tollste Fußballstadion der Türkei werden soll. Nördlich davon befindet sich das Swiss Hotel, das wir – aus welchen Gründen auch immer – besucht haben. Ein 5* Hotel, in dem u.a. Galatsaray ihre Stars Drogba und Sneijder, während ihre Residenzsuche einquartiert hatten. Das im 19. Jahrhundert errichtete Hotel hatte eine riesige Eingangshalle und bietet einen schönen Blick auf den Bosporus (der Meerenge zwischen dem europäischen und asiatischen Teil der Stadt). Interessant ist das 4000qm große Wellnesszentrum, das auch Nicht-Hotelgästen über Mitgliedschaften (1300€/Jahr) nützen können. Im Prinzip war das Hotel jetzt nicht toller, als andere Hotels dieser Preisklasse, aber für einige von uns ‚Weltfremden‘ sicher eine bemerkenswerte Sache. Überraschenderweise ließ das Hotel meinen lieben Freund ziemlich kalt. Richtig, genau ihn. Genau der, für den Hotel Safes und Kartenschlitze unbestrittene Highlights waren, hat sich jetzt über die – zugegeben wenig aufregende – Fassade des Hotels und die hochwertige Innenausstattung der Residenzen mokiert. Interessante Relation, die mein lieber Freund hier an den Tag legt.
Wer sich jetzt fragt, was dieser Hotelbesuch auf einer Uni-Exkursion zu suchen hat, möge sich bitte hinten anstellen.
Danach ging es weiter nach Ortaköy, wo wir eine Moschee im Barockstil besichtigt haben. Diese Moschee hebt sich von den anderen durch ihre Minarette und Fenster und den Malereien im Inneren ab. Die erste Moschee, die mir wirklich gefiel. Wer’s nicht weiß: Gläubige Moslems beten fünf Mal am Tag. Der Muezzin ruft über Lautsprecher zum Gebet, davor müssen sie sich Gesicht, Hände und Füße waschen, um gebetsrein zu sein. Die Schuhe muss jeder vor dem Teppichboden, der das Innere grundiert, ausziehen und das Gottes betreten werden, ohne mit den Füßen den Boden zu berühren. Damit sinngemäß kein Dreck und keine Bakterien in die heilige Stätte gelangen. Freitags finden zeremonielle Predigten statt, bei der aktuelle Themen (Ramadan, Umweltschutz etc.) behandelt werden, die der Predigende (Imam) von der religiösen Organisationen Diaded (oder so) per Mail vorab erhält. Highlight war an einem kleinen Platz von Ortaköy, der bei Jugendlichen beliebte Kumpir – ein mit unterschiedlichen Nahrungsmittel gefüllter Riesenkartoffel, den wir aus Zeitgründen (oder so) nicht essen konnten.
Nächste Station war der meiner Ansicht nach unterentwickelte (und sehr ländliche) Stadtteil Kemerburgaz, wo wir uns dann sehr schwer taten etwas Ordentliches zu essen zu finden. Eine halbe Stunde vorher, wo alle einen Kartoffel essen wollten, Mittagspause zu machen ging allerdings nicht. Wir hätten auch im benachbarten Göktürk, das wir anschließend besuchten und das völlig kontrastiv entwickelt ist, essen können, aber warum ausgerechnet Kemerburgaz weiß wohl nur unser Reiseführer namens Murat (zu deutsch: Wunsch). Möglicherweise sah er unsere dortigen Investitionen als Entwicklungshilfe für den Stadtteil. Nähe Göktürk besichtigten wir eine so genannten Gated Community (Kemar Country), im Prinzip eine abgeschottete, bewachte Reichensiedlung. Die Zufahrt kann nur über eine Einfahrt (mit Schranke und Wachhaus) erfolgen. In dieser kleinen ‚Stadt‘ befinden sich Villen (mehrere Mio. € wert), Wohnungen, Restaurants, Geschäfte, eine Krankenstation, ein künstlich angelegter Teich sowie ein privat betriebener Golf Club. Insgesamt rund 901 Liegenschaften – ergo ca. 3500 BewohnerInnen. Die BesitzerInnen dieser Liegenschaften müssen sich an bestimmte Regeln halten. In den USA gang und gäbe, gibt es solche Communities in Österreich nicht. Ich fand diese Community ziemlich beeindruckend. Man kann darüber denken, wie man möchte, für das Sozialgefüge ist sowas vermutlich nicht das Beste. Ich weiß nicht, welche Probleme reiche Menschen sich dadurch ersparen, es scheint sich aber hier sehr gut leben zu lassen. Diese Anlage wirkte irgendwie wie eine riesige Hotelanlage.
Als Nächstes – und quasi als Kontrastprogramm dazu – fuhren wir zur Besichtigung von Gecekondos nach Eyüp. Gecekondos, von Murat so genannte ‚Schwarzhäuser‘, sind vereinfacht gesagt über Nacht entstandene (weil illegal gebaute) Häuschen. Hier haben Menschen – meist ZuwanderInnen aus dem ländlichen Bereich – ein Grundstück, das ihnen nicht gehörte, eingezäunt und in Nachtschnelle ein Haus darauf errichtet. Erdogan war der erste, der auch vor den Wahlen gesagt hat, dass er diesen Schwarzbau nicht dulde. Paradox, wenn man bedenkt, dass sehr viele WählerInnen aus den unteren Schichten stammen. Als Gegenmaßnahme jedoch stellt er ihnen Sozialleistungen und finanzielle Hilfe zur Verfügung. Er versucht dieses Problem anders zu lösen. Er – als der Staat – investiert auch gezielt in ländliche Bereiche, um die Landflucht zu verringern. Die Gecekondos selbst sind sehr kleine Häuser mit einer schlechten Bausubstanz. Manchmal werden auch Stöcke hinzu gebaut. Wir konnten so einen Bau auch von innen sehen, weil uns die Menschen dazu eingeladen haben. Das war sehr interessant.
Abschließend ging es noch in die Mall of Istanbul zum Shoppen und Achterbahn fahren. Nichts Aufregendes dieses Einkaufszentrum.

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