Neues aus Istanbul (Tag 5)

Mit dem Fußball durch Istanbul

Ziel meines City-Bound-Projektes war es, in Istanbul Fußball spielende Jugendliche zu finden und mich bei ihrem Match einzubauen.
Der Professor hat mir am Vorabend auf der Karte gezeigt, wohin ich ca. gehen/fahren muss, um zu öffentlichen Sportplätzen zu kommen. “Nimm die Tram bis nach Aksaray, geh dann zum Marmara Meer und dort die Küste in westlicher Richtung entlang.“ Da er sich aber selbst nicht sicher war, wo die Plätze genau sind, habe ich am Morgen (ca. 9:35 Uhr) – bevor ich weggegangen bin – noch einmal an der Rezeption gefragt, wo ich Sportplätze oder Areale zum Fußballspielen finden kann. Es entwickelte sich daraufhin vor dem Hotel eine interessante Gesprächsrunde mit der Touristenberaterin des Hotels, unserem Busfahrer vom gestrigen Trip und einem Taxifahrer, der sehr gut Deutsch sprach. Die Dame vom Hotel und der Taxifahrer meinten, ich sollte mit der Marmaray Metro eine Station nach Yeni Capi fahren, der Busfahrer sagte auf Türkisch zu den anderen irgendetwas mit Aksaray. Die Beraterin hat mir dann auch auf der Karte gezeigt, wo sich die Yeni Capi-Station befindet. Daraus konnte ich schlussfolgern, dass sie mich ungefähr in die selbe Richtung schicken wie der Professor. Ich konnte also sowohl ihren Rat als auch seinen befolgen. Eventuell sprachen sogar alle von dem selben Platz, wer weiß. Der Taxifahrer erzählte mir dann, dass die Jugendlichen hier nicht öffentlich spielen, weil die Plätze zu bezahlen sind. Deshalb trommeln sie immer Leute zusammen, die dann einen Platz mieten und sich die Kosten aufteilen. Diese Information hat meine Zuversicht, Fußball spielende Menschen zu finden, beträchtlich geschmälert. Dass ich mein Vorhaben am Vormittag bei größter Hitze umsetzen sollte, hat dem nicht unbedingt entgegengewirkt. Wenn wir ehrlich sind, standen meine Chancen, jemanden zu finden, richtig schlecht. Ich dachte mir nur: Es hilft ja nichts, lass‘ es darauf ankommen. Mit dem Motto „Was passiert, passiert“ stürzte ich mich, ohne eine Stadtkarte oder einen Ausweis bei mir zu haben, ins Abenteuer Istanbul.

Die U-Bahn-Station fand ich gleich, aber aufgrund der sehr schlechten Beschilderung, war ich mir nicht sicher, wohin ich gehen musste. In einer Großstadt ist es jedoch nicht anders als in anderen Städten. Wenn man nichts weiß, muss man fragen. Die mir unbekannte Sprache und die fehlenden Englisch-Kenntnisse des Großteils der einheimischen Bevölkerung erweisen sich jedoch als veritable Komplikation. Mit Händen und Füßen kann man sich aber immer irgendwie verständigen. Es wäre natürlich wesentlich leichter, wenn die Menschen meine Fragen verstehen würden, aber gerade weil sie sie nicht verstanden (hatten), musste ich an diesem Tag spontan sein und meinen Plan ein wenig ändern.

In der Untergrund-Station fühlte ich mich etwas unwohl, weil so viele Wachleute herumgelaufen sind. Eigentlich paradox! Man müsste sich doch sicher fühlen, wenn man beschützt wird, doch ich denke mir, nur wo es gefährlich ist, muss man beschützt werden. Sehr mulmig war deshalb mein Gefühl, als ich durch einen schmalen Gang geschritten bin, ohne einen Wachmann zu sehen. Noch nruhiger wurde ich, als die Bahn sehr lange auf sich warten ließ. Einfach cool bleiben, dachte ich, das wird schon. Ich steckte mir die Kopfhörer meines iPhones in die Ohren und ließ mir von Mr. Probz‘ Waves ein gutes Gefühl geben.

In Yeni Capi ausgestiegen, war es schwierig, sich zu orientieren. Der Taxifahrer hatte gesagt, ich müsse links zu einem Audi-Gebäude. Allerdings sah ich keines. Und was heißt überhaupt links? Links kommt vom Standpunkt drauf an, hätte er mir die Himmelsrichtung gesagt, hätte mir das wesentlich mehr geholfen. Wieder was dazugelernt! Ich folgte also seinem Rat und ging von mir aus gesehen nach links in ein Viertel, das mich sehr an Chinatown erinnerte. Überall kleine Läden, „China“ und „Japan“ stand auf einigen drauf. Da die Geschäfte hauptsächlich Autoteile verkauften, dachte ich mir, dass ich hier nicht so falsch sein konnte und das Audi-Gebäude schon irgendwo sein würde. Nachdem ich eine Weile planlos herumgeirrt war, änderte ich meinen Plan. Es war für mich ausgeschlossen, einen geeigneten Platz zu finden. Das musste ich mir eingestehen. Aber um dennoch was zu erreich, brauchte ich einen Fußball. Bei einem kleinen Stand, der u.a. auch Motorsägen verkaufte und der so vollgestopft mit Ramsch war, dass ich den Verkäufer gar nicht sehen konnte, erwarb ich einen qualitativ nicht unbedingt hochwertigen Fußball. Ich gab dem Verkäufer Trinkgeld und fragte ihn, wo ich das Spielgerät denn benützen könnte. Keine Ahnung, ob er mich verstanden hatte, aber er schickte mich in die Richtung, aus der ich gekommen war. Weil ein Fußball nun mal zum Fuß gehört, hielt ich ihn nicht in der Hand, sondern führte ihn durch die Straßen Istanbuls. Ich zog damit einige Blick auf mich. Wenige Meter später hatte ich schon meinen ersten Spielpartner. Roni

, der Verkäufer eines Geschäfts, spielte mit mir den Ball hin und her – sowohl mit dem Fuß und dem Kopf, in der Luft und auf dem Boden. Außerdem versuchten wir uns gegenseitig Tricks beizubringen. Es dauerte nicht lange, bis sich vorbeigehende Personen in das Straßenspiel einbauten und wieder weitergingen. Wir haben aufgrund unserer limitierten Fähigkeiten zwar einige Autos getroffen, doch das war offensichtlich nicht so schlimm. Als Roni dann den Ball in ein Geschäft schoss und sein Chef ihn zur Arbeit verdammte, verabschiedeten wir uns und ich setzte meine Reise fort. Ich dachte mir, dass mein City-Bound-Projekt mit dieser Aktion eigentlich schon erfüllt war, doch irgendwie war ich zu neugierig, um aufzuhören. Ich wollte die Stadt und die Menschen kennenlernen. Hin und wieder spielte ich im Spazieren den mir entgegenkommenden Menschen den Ball zu, fast immer schossen sie ihn zurück. Insgesamt trat ich auf diese Art mit 17 Menschen in Kontakt.

Ich landete als Nächstes in einem sehr armen Viertel, wo ich Leute zu einem Fußballplatz befragte. Sie schickten mich Richtung Meer. Ich war mir nicht sicher, ob sie mich verstanden hatten, denn – dort angekommen – sah ich nur Schiffe, riesige Asphaltflächen mit Hubschrauberlandeplätzen, weite, grüne Flächen, die bewässert wurden oder auf denen etwas angebaut wurde, das ich nicht erkennen konnte. Meinen ursprünglichen Plan und des Professors Tipp im Hinterkopf lief ich Richtung Westen. Mit einigen (Bau-)Arbeitern kam ich unterwegs ins Spiel und wir schossen uns gegenseitig den Ball zu. Als ich sie fragte, wo man hier Fußball spielen kann, zeigten sie auf die großen Grünflächen. Das hatten wohl auch die anderen gemeint. Da ich auch sonst keinen Platz in Reichweite sah, beschloss ich dem Meer entlang zu laufen und zurück in das Viertel zu gehen, wo die vielen Geschäfte und Menschen gewesen waren. Ich dribbelte mit Kopfhörern im Ohr durch die schmalen Gassen, was einige zu verwundern schien. Als ich dann mit einem bettelnden Jungen ein bisschen gespielt habe, was ihm seinen Gesichtsausdruck nach große Freude bereitet hat, war es an der Zeit meine kleine Reise durch Istanbul zu beenden. Bei McDonalds nahm ich eine kleine Mahlzeit zu mir, fragte die Bedienung, wie die große Straße, an der wir uns befanden, heißt. Ihre Antwort gab mir Orientierung und ich wusste, wo die nächste Tram-Station zurück ins Hotel zu finden war. Als ich dort meinen Jeton gekauft habe und zur Tram gehen wollte, hielt mich ein Junge auf, der mit mir tricksen wollte. Ich erfüllte ihm dann einige Minuten seinen Wunsch und spielte mit ihm und seinen Freunden zwischen den vielen Leuten. Manchmal schossen die Jungs in Kopfhöhe, die Leute blieben aber recht cool. Am Ende schenkte ich ihnen den Ball und fuhr mit der bis auf den Rand gefüllten und nach Schweiß stinkenden Tram zurück ins Hotel. Es war ein schönes Erlebnis, Istanbul auf diese Art kennengelernt zu haben. Und das Schönste daran ist der Gedanke, dass auch ich Istanbul vielleicht etwas Neues und Besonderes geben konnte.

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