Neues aus Istanbul (Tag 3)

Der heutige Tag begann einigermaßen normal. Der Wecker ist zwar um 06:00 abgegangen und hat im 8-Minuten-Rhythmus geläutet, aber aufgestanden sind wir erst um 07:15. Diesen Aufwachmodus hat mein lieber Freund nicht wirklich verkraftet, so dass er auf Frühstücken verzichtet hat, um wach zu werden.
Wir gingen dann zu Fuß über die Galata-Brücke, die das Goldene Horn (halic) überspannt, in den ziemlich europäisch wirkenden Stadtbezirk Beyoglu (historische Bezeichnung: Pera). Mit dem Tünel – eine Art Untergrund-Seilbahn – fuhren wir zum Galata-Turm. Der Begriff Gentrifizierung wurde uns beim Anblick der vielen Kaffees und Läden und den mit Graffiti beschmierten Türen und Verkehrsschildern in der Nähe des Turms so richtig bewusst. Bisher einer der coolsten Eindrücke Istanbuls. Danach spazierten wir die Istiklal Caddesi, einer Einkaufsstraße, entlang, auf der eine kleine Tram fährt, sich links und rechts Geschäfte und Konsulate (ehemals Botschaften) befanden. Es ist eine sehr westlich geprägte Straße mit Burger King, McDonalds, Diesel und Zara Shops und in ihren Seitengassen versteckten Kirchen – also nicht mit dem zu vergleichen, was auf der historischen Halbinsel abgeht. Am Ende der Istiklal steht der berüchtigte Taksim Platz, ein riesiger Exerzierplatz mit einem Atatürk-Denkmal in der Mitte, mit der Oper und dem Gezir Park zu seiner Seite, der heute Gott sei Dank frei von Demonstrationen war. Ich weiß nicht, ob es der westliche Einfluss ist, der mir so gefällt, aber hier – in Beyoglu – ließe es sich leben. Ein hipper europäisch-amerikanischer, relativ sauberer Bezirk, wo man Frauen auch sieht und nicht nur ausfantasiert.
Danach ging es mit der Metro zurück nach Eminönü, wo wir drei Stunden selbst zur Verfügung hatten, um einige Hot Spots zu besichtigen. Einige KollegInnen und ich entschieden uns für die Hagia Sophia – ursprünglich Kirche, dann Moschee, mittlerweile Museum. Ein beeindruckendes Bauwerk, wie im Prinzip alle religiösen Großbauten sind. Am Abend nahmen wir alle zusammen die Fähre nach Kadiköy, einem Stadtbezirk im asiatischen Teil des Landes. Die Fahrt über den Bosporus (und später auch zurück) war sehr schön, der Blick zurück auf die historische Halbinsel ein Traum. Dort angekommen führte uns unser Reiseleiter auf den Markt, wo sich Fischlokale aneinander reihen. Wir haben uns dann als Großgruppe beim Essen (nicht zuletzt durch Wein und Raki) richtig amüsiert. Meinen lieben Freund habe ich etwas schockiert. Nachdem ich ihm gesagt habe, dass wir heute ein bisschen kuscheln werden, war er ganz starr vor Schreck und hat sich geweigert, mit mir ein Bild zu machen. Aber weil ich ihm Ironie und Sarkasmus noch nicht vorgestellt habe, kann ich ihm das nicht übel nehmen. Dass er sich beim Essen mehrmals angepatzt hat, passt ins Schema. Nicht mal darüber wollte er wirklich lachen, was solls, so bleibt ihm halt nur sein Ernst. Nicht auszudenken, würde er diesen Blog lesen. Was würde er dann wohl denken? Was denkt er eigentlich überhaupt so den ganzen Tag? Das würde mich mal interessieren. Egal. Als wir dann zurück ins Hotel marschierten, haben wir ihn (und auch ein paar andere) verloren. Später stellte sich dann heraus, dass er und einer der Gummibärenbande (der ‚Schleicher‘) auf Foto-Safari gewesen waren. Mit einer großen Gruppe (ähnlich der des Essens, nur dass der ‚Politiker‘ der Gummibärenbande, der in seiner Sprache über einige Tonwechsel verfügt, auch dabei war) haben wir dann auf der Dachterrasse unseres Hotels noch etwas getrunken. Schlussendlich ist auch mein lieber Freund aufgetaucht und hat von der Terrasse aus noch weitere – schätzungsweise 200 – Fotos gemacht. Ein Dokumentationsmeister ist er schon, das muss man ihm lassen. Sein Reiseportfolio besteht wahrscheinlich im Gegensatz zu meinem nur aus Bilder. Wo soll der Text auch herkommen? Sobald er am Zimmer anfängt zu reflektieren, geht es ins Schnarchen über. Es scheint so, als würden ihn seine Gedanken immer sehr müde machen. Würde sie mich auch. Bei dem Tempo.

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