Neues aus Istanbul (Tag 2)

Der Tag begann heute etwas chaotisch. Überraschenderweise haben wir es geschafft, zu verschlafen. Wenn man meinem lieben Freund etwas vorwerfen kann, dann nur, dass er sich auf mich und meinen Wecker verlassen hat. Ich dachte, mein iPhone würde die Zeit automatisch umstellen (in Istanbul befinden wir uns in einer +1 Zeitzone), doch dem war leider nicht so. Aus diesem Grund wurden wir um 07:45 und nicht – wie geplant – um 06:45 aus den Federn gerissen. Da für 08:00 der Abmarsch festgelegt war, ging es für uns ohne Frühstück hinaus in das pulsierende Leben der türkischen Metropole. Einen Kaffee konnte ich zum Glück noch schnell zu mir nehmen.
Unser Reiseleiter führte uns als erstes zum Osthandelsviertel, wo kyrillische Inschriften auf Tafeln, Wänden und Schildern keine Seltenheit sind. Befremdlich waren die Schaufenster der Läden, nicht etwa aufgrund der Puppen, sondern der Tatsache, dass diese teilweise im zweiten Stock zu sehen waren. Weiter ging es über das Vefa-Viertel – ein verfallener Stadtteil, der durch Projekte der Architekturuniversität revitalisiert wird – zum Komplex der vierminarettigen Süleymaniye Moschee, der auf Bildern beeindruckender wirkt als im realen Leben. Interessant war es jedoch, unsere Mädchen mal mit Kopftüchern zu sehen. Ich wusste gar nicht, wie geheimnisvoll die sein können. Nachdem wir den mit Teppichboden ausgestatteten Tempel des Despotismus verlassen hatten, wanderten wir zum Großen Basar, der vielen vielleicht durch James Bonds Skyfall bekannt ist. Diese bedeckte Marktfläche geizte nicht mit Reizen, Impressionen und Angeboten – und Hektik! Was für eine Hektik! Ganz zu schweigen von dem ‚Dauernd-Angeredet-Werden‘, das einem mit der Zeit ziemlich auf die Nerven geht. Mittlerweile habe ich die Taktik entwickelt, mich als nicht Englisch sprechender Belgier auszugeben, was die Händler scheinbar daran hindert, ihre (multilingual) auswendig gelernten Sätze aufzusagen. Vermutlich funktioniert die Taktik auch als Finne oder Isländer, aber sehen die so aus wie ich? Ich weiß nicht. Dann lieber doch Belgier, die sind wenigstens bei der Fußball-WM dabei.
Weiter ging es dann zur nächsten religiösen Stätte, der Neuen Moschee (Yeni Camii), wo wir durch einen Lautsprecher den Gebetsaufruf des Muezzins gehört haben. Keiner von uns hat sich jedoch dazu aufgefordert gefühlt, sich zu waschen und zum Gebet ’niederzuwerfen‘. Dem Rundgang durch den Ägyptischen Basar folgte dann eine kurze Bootsfahrt nach Eyüp, wo die nächste Moschee und die Grabstätte des Fahnenträgers Mohammeds (Al Sanari oder so) auf uns wartete. Das Grab gilt als eine der wichtigsten Pilgerstätten des Islam. Wir sahen betende Personen (verschleiert und unverschleiert oder weiblich und männlich), kleine Jungs, deren Beschneidung unmittelbar bevorstand, und eine Menge TouristInnen. Zuvor aber hatten wir einen längeren Zwischenaufenthalt bei der Schiffsanlegestelle, weil es gewitterte – und, man wird es nicht glauben, hagelte!
Nachdem mir zwei Kolleginnen eine Einführung sowohl in die christliche als auch die islamische Religion gegeben hatten, während ich mich über das Wetter und den Schmutz auf meinen Schuhen beschwerte, ging es zurück nach Eminönü (dem Stadtteil der historischen Halbinsel in der Nähe der Galatabrücke), in dem die Neue Moschee steht. Damit war auch der inhaltliche Teil des Tags beendet und der kulinarische begann. Nach einem billigen Abendessen, das ich mit Diarrhoe quittierte, ging es in die Lobby, um die Eindrücke des Tages bei zwei zu vier Jameson zu reflektieren. Okay, es wurde primär Fußball bzw. die Vernichtung der portugiesischen Schönlinge (und Dummköpfe) geschaut. Von meinem lieben Freund gibt es heute nicht viel zu berichten, da ich ihn so gut wie nie gesehen habe. Abends war er mit dem Rest der Gummibärenbande in einem türkischen Restaurant, in dem er Lammkebap mit Pommes, Reis, Gemüse und Fladenbrot (und Börek) gegessen hat. Komischerweise hat ihm das Fleisch besser geschmeckt als die gestrige Pasta indefinitiona. Möglicherweise darauf zurückzuführen, dass die türkische Küche eher dafür bekannt ist als für Nudelgerichte. Er scheint nach der ersten Akklimatisationsphase nun auf eigenen Füßen stehen zu können, was mich doch recht glücklich macht. Jetzt denken die anderen wenigstens nicht mehr, dass ich ihm beim Pyjama-Anziehen behilflich sein muss (Zitat)(nicht von mir)(kein Witz).

Es ist nun 01:15 Ortszeit und der Wecker ist auf 06:00 Ortszeit gestellt, vielleicht geht sich ja ein morgendlicher Lauf den Bosporus entlang aus. Ich bezweifle das allerdings sehr. Wird wohl eher ein das heutige Frühstück nachholendes Frühstück werden. Mit meinem lieben Freund.

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