Ein ehrenwertes Haus

Kennen Sie das Gefühl, dass Sie in ihrem eigenen Wohnhaus unerwünscht sind?

Sie gehen Tag für Tag dort ein und aus – doch irgendwie kommt Ihnen alles so verbittert vor?

Die Nachbarn sehen Sie an, doch grüßen tun sie Sie nicht. Wenn einmal jemand was zu Ihnen sagt, dann nur: Können Sie das ändern und können Sie das nicht mehr tun, und so weiter…

Die alten Leute sind die, die mich am meisten stören. Sie sitzen den ganzen Tag zu Hause und haben nichts Besseres zu tun als andere Menschen zu beobachten und akribisch nach Mücken zu suchen aus denen sie Elefanten machen können. Können Sie bitte dieses Kabel wegräumen? Können Sie bitte einen anderen Parkplatz benützen? Hier darf man nicht parken. Können Sie bitte ihre Wäsche zum Trocknen woanders aufhängen und nicht am Balkon? Wären sie so freundlich und würden tagsüber nicht so einen Lärm machen? Würden Sie die Musik leiser oder sie ganz ausmachen? Sie müssen ihren Müll besser trennen, sonst werde ich Beschwerde einreichen. Geht das? NEIN. VERDAMMT. Ich werde dieses Kabel nicht wegräumen, weil es nicht mir gehört. NEIN, ich werde das Auto nicht weg parken, weil ich hier niemanden störe, geschweige denn, jemandem den Weg abschneide. NEIN! – Ich kann meine Wäsche nirgendwo anders aufhängen. Abgesehen davon, wofür habe ich einen Balkon, der einen Quadratmeter groß ist? Tagsüber kann ich soviel Lärm machen wie ich will. Abgesehen davon, so laut bin ich doch gar nicht. Jedenfalls nicht lauter als ihr beschissener Hund, der den ganzen Tag bellt, weil er Sie offensichtlich genauso gut leiden kann wie ich. Die Musik IST leise und abschalten werde ich sie sicher nicht. Ich werde versuchen meinen Müll zu trennen, doch leider habe ich nicht immer die Zeit dazu. Abgesehen davon, wieso stöbern sie in meinem Müll herum? Was zur Hölle ist das Problem dieser alten Menschen?

Ihr Problem ist die Zeit.

Sie wissen nichts damit anzufangen. Ihre einzige Freude im Leben ist es, Fehler bei anderen Menschen zu suchen und sie darauf aufmerksam zu machen. Was ihnen noch gefällt, ist, sich in Dinge einzumischen, die sie überhaupt nichts angehen oder die ihnen scheißegal sein könnten. Kann der alten Frau Meier nicht egal sein, ob meine Wäsche zum Trocknen auf MEINEM Balkon hängt, oder kann der verbitterten alten Frau Hesse nicht komplett egal sein, ob ein Verlängerungskabel von meinem Balkon zum Kellerfenster meines Nachbarn langt? Er braucht den Strom und ich werde ihm den leihen. Nein, ich soll das wegräumen, denn andernfalls wird eine Firma kommen, die das übernimmt und die ich dann bezahlen muss. Welche Firma alte Frau? Wach auf. Werden Sie diese Firma anrufen? Was werden sie sagen? Dass Sie einen Auftrag für sie haben? Es handelt sich um ein Kabel, welches weggeräumt werden müsste. Das Gespräch hätte ich gerne auf Band, Sie frustrierte alte Hexe! Auf die Frage warum das denn überhaupt störend sei, bekommt man meistens folgende Antwort: Wie das denn aussieht. Es sieht aus, wie es bei jedem anderen Haus aussehen würde, wenn da nicht überall die gleichen alten frustrierten Frauen leben würden. Komischerweise sind es nämlich immer die alten Menschen weiblichen Geschlechts, die sich beschweren. Ich habe selten erlebt, dass ein betagter Mann zu mir gekommen ist und sich über irgendwas aufgeregt hat.

Sie kennen doch sicher auch diese Sorte von alten Menschen, die kleinen Kindern verbieten will auf dem Spielplatz zu spielen, weil er an ihren Garten oder Balkon grenzt, oder? Ein Spielplatz ist doch kein Botanischer Garten, verflixt nochmal. Ich verstehe, dass ihr eure Kindheit versäumt habt oder dass ihr es nicht so schön hattet, wie unsere Generation, aber deshalb müsst ihr doch nicht andauernd nörgeln und uns die Laune (oder gar unsere Kindheit) vermiesen. Ich frage mich wirklich, was in frustrierten alten Frauen vor sich geht. Es gibt nämlich auch Ausnahmen. Ich kenne genug ältere Menschen (auch Frauen), die ganz anders sind und damit meine ich nicht nur meine Großeltern. Ja sogar in meinem Haus wohnen solche. Die kommen nicht andauernd zu mir und beschweren sich über belanglose Dinge obwohl sie unter mir oder direkt gegenüber wohnen.

Also stelle ich mir die Frage; Warum nicht? Stören denn diese Menschen meine unerhörten Frechheiten nicht oder sind sie nur zu feige mich darauf anzusprechen?

Ich kann Ihnen die Antwort verraten. Es stört sie nicht. Weiß der Teufel warum nicht.

Vielleicht sind sie einfach nicht so verbittert oder vielleicht haben sie dieses Wohnhaus ebenso schon durchschaut wie ich.

Wie das denn aussieht“. Wenn ich diesen Satz schon höre, könnte ich durchdrehen. Ich wohne in einer Genossenschaftswohnung. Verstehen Sie? In einer Wohnung, die für Leute zur Verfügung gestellt wird, die sich nicht den großen Lebensstil leisten können oder um der Wahrheit ins Auge zu fassen – für Menschen, die dazu neigen Sozialfälle zu sein. Um es auf den Punkt zu bringen: Unter mir wohnt ein dicker, ca. 22 jähriger Fleischer, der nichts anderes tut, als zu arbeiten und Computer zu spielen. Er schläft nicht. Egal wann man nach Hause kommt, brennt bei ihm Licht und das Wohnzimmerfenster ist 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche, 4 ½ Wochen im Monat und 12 Monate im Jahr gekippt. Von Zeit zu Zeit hat er irgendwelche Gestalten bei sich, die er dann nach Lust und Laune anschreit. Das höre ich allerdings nur in den zwei Sekunden, die es braucht, wenn eines seiner wohlklingenden BUMM BUMM Lieder, die er sich mit voller Lautstärke reinzieht, zu Ende gegangen ist und das nächste beginnt. Komischerweise hat der junge Typ sich noch nie über irgendetwas beschwert. Zumindest nicht bei mir.

In seinem Stock gibt es noch zwei andere Wohnungen. Die eine wird von der Hausmeisterin bewohnt, eine nette Frau so um die 30, die auch ein Kleinkind hat, dass die ganze Zeit herumbrüllt und die mir ab und zu gewisse Dinge von meinen ehrenwerten Nachbarn ausrichtet, wenn die mal wieder zu feig waren, es mir selbst zu sagen. Das Merkwürdige daran ist allerdings, dass die Hausmeisterin selbst immer sagt, dass es ihr vollkommen egal ist, aber ich es einfach unterlassen sollte – aufgrund des Hausfriedens. Sie kann sich ihr Schmunzeln selbst nicht verkneifen, wenn sie mir diese Nachrichten überbringt. Mit ihr verstehe ich mich am besten, vorallem auch weil sie weiß, dass ich ihr helfen kann, sollte sie einmal Hilfe brauchen.

Dem dicken Fleischer gegenüber in der dritten Wohnung des Erdgeschosses wohnt eine alleinstehende ältere Frau, die sich anfangs auch sehr über mich beschwert hat, mich aber mittlerweile zu schätzen weiß, weil ich ein netter und hilfsbereiter Mensch bin. Man muss mit den Leuten halt umzugehen wissen. Im ersten Stock wohne ich, eine dicke Frau, die den ganzen Tag mit gesenktem Kopf herumrennt, kein Wort sagt und die auf das Kind (geht schon zur Schule) ihrer Tochter aufpasst, die ungefähr Mitte 20 und solo ist. Die Drei wohnen zusammen in einer kleinen Wohnung und ich kann euch sagen – da geht es ab. Wenn man bei dieser Türe vorbeigeht, braucht man einen Ohrenschutz. Aber wir haben alle unsere Probleme. Wieso sollte ich mich darüber aufregen? Ich bin doch nicht 100. Mir gegenüber wohnt eine alleinstehende alte Dame, die etwas schwerhörig ist. Diese Frau ist eine äußerst nette Person, welcher ich ohne zu zögern sofort helfen würde die Einkaufstaschen zu schleppen oder sonstiges. Wer über mir wohnt, kann ich nicht so genau sagen.

Was ich weiß ist, dass noch eine alte Frau mit Krücken irgendwo über mir wohnt, die ebenfalls recht nett scheint, obwohl man sagen muss, dass sie mehr mit sich und ihrer Gesundheit beschäftigt ist, als dass sie sich um belangloses Zeug kümmern könnte. Dann wohnt irgendwo über mir noch ein veralteter Gigolo, mit dichten schwarzen Haaren (Toupet?), einem Schnauzer und einer dicken Goldkette. Ich sehe ihn von Zeit zu Zeit mit seinem Fahrrad davon düsen – wohin er fährt, weiß ich leider nicht. Vielleicht in sein Bordell – keine Ahnung. Dann gibt es noch das eine (Ehe-)Paar um die 40. Sie sieht aus wie eine Professionelle, wobei ich mir aber sicher bin, dass sie keine ist und ihr Freund (oder Mann) wie ihr Zuhälter, wobei ich mir auch hier sicher bin, dass er keiner ist. Was die beiden wirklich machen, kann ich nur raten. Sie grüßt mich meistens recht freundlich und er auch, doch sein Blick dabei, ist mir nicht ganz geheuer. Was will dieser Johnny Bravo Verschnitt von mir? Er sieht aus wie der Hauptdarsteller aus einem schlechten Porno (vom Kaliber „Wieso liegt denn hier Stroh rum?“) und will von oben auf MICH herabsehen? Was zur Hölle ist sein Problem?

Dann wohnen noch ein paar andere Leute in meinem Wohnhaus, die ich einmal oder noch nie gesehen habe, so dass ich sie nicht charakterisieren kann. „Last but the least“ muss ich noch diese eine Frau erwähnen. Diese eine Frau (keine Ahnung wie sie heißt oder sich nennt) ist diejenige, die sich über jeden Scheiss aufregt. Ich glaube, da gibt es auch noch eine zweite, die vielleicht sogar mit ihr zusammenwohnt, aber da bin ich mir nicht sicher. Wie dem auch sei, dieses Miststück wühlt durch meinen Mist, diese Frustration in Person beschwert sich wegen irgendeinem Kabel, das auf dem Boden vor dem Kellerfenster liegt und kein Schwein sieht. Diese vollkommen verblödete alte Kuh beschwert sich regelmäßig bei der Hausverwaltung über mich, wenn tagsüber die Musik zu laut ist oder wenn mehrere Freunde bei mir zu Gast sind.

Dieser verbitterte „Mensch“ regt sich sogar auf, wenn ich frühmorgens angetrunken nach Hause komme. Ich weiß, dass ihr jetzt glaubt, dass ich dann ziemlich laut bin und randaliere – ABER dem ist nicht so. Ich komme ganz leise nach Hause und sage kein Wort. Diese alte Henne muss ja 20 Stunden am Tag vor ihrem „Fenster zum Hof“ sitzen und die Straße beobachten. Dabei hat sie doch gar keinen gebrochenen Fuß und sitzt auch nicht im Rollstuhl. Also was zur Hölle ist ihr Problem? Nach alldem was ich Ihnen über mich und meine Nachbarn erzählt habe, können Sie sicher verstehen, warum ich die Wäsche nicht auf meinen Balkon hängen darf und warum ein Kabel nicht vor dem Kellerfenster liegen darf. „Wie das denn aussieht?“ Das wäre unverantwortlich ….

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