Mein Weg

Klasse oder Masse? Eine häufig gestellte Frage. Entweder das eine oder das andere? Viele sehen diese zwei Begriffe prinzipiell als Gegensätze. Das eine geht zulasten des anderen oder schließt es gar aus. In den meisten Fällen regiert die Quantität, im Hintergrund steht die Qualität. Doch was wäre, wenn wir beides haben könnten? Jeder wünscht sich Klasse und zugleich Masse. Sozusagen eine große Masse Klasse. Der Footballtrainer beim Zusammenstellen seines Kaders, der Weinliebhaber beim Herzeigen seines Weinkellers, eine Frau beim Anblick ihrer Schuhe oder ein männlicher Single auf der Suche nach Frauen beim Fortgehen. Und Letzterer bin ich. Es ist Samstag Abend und ich habe einen Wunsch. Was ich heute in den Lokalen sehen möchte, ist Masse UND Klasse. Ich will viele Frauen treffen, viele schöne Frauen. Frauen mit Klasse. Die Mission beginnt.

Vorweg muss ich sagen, dass es schwer ist, ein hübsches Mädchen anzusprechen, ohne „den besten Freund“ im Schlepptau zu haben – den „Rausch“. Er ist ein wichtiger Wegbegleiter, wenngleich er meistens mehr ruiniert als hilft.

Das erste Lokal, das ich aufsuche, ist das „Speki“. Beim ersten Blick durch die Runde erkenne ich sofort, dass ich hier nicht finden werde, wonach ich suche. Hier regiert die Klasse. An der Theke sitzt ein wunderschönes Mädchen, doch sie ist leider auch die einzige Person weiblichen Geschlechts, die anwesend ist. Nicht einmal Kellnerinnen gibt es hier. Edison hat die Glühbirne schließlich auch nicht beim ersten Versuch erfunden, sage ich mir und ziehe weiter, nachdem ich der Hübschen ein Lächeln geschenkt habe, das sie eiskalt ignoriert hat.

Auf dem Weg in eine Kneipe namens „Burg“ kommen schon die ersten Zweifel. Was ist, wenn Klasse UND Masse zu finden, ein Ding der Unmöglichkeit ist? Was wäre mir dann lieber? Klasse oder Masse?

Wenn ich eine Frau für eine Nacht suche, wünsche ich mir Masse, denn das erhöht die Chancen, eine Gleichgesinnte zu finden, die mit mir nach Hause geht. Suche ich allerdings ein Mädchen, das ich später heiraten möchte, bestehe ich auf Klasse. Dann wäre mir egal, wie viele Frauen unterwegs sind, solange nur eine von ihnen umwerfend ist. Im Urlaub wünsche ich mir Klasse. Dieser Massentourismus ist etwas Schreckliches. Bei meinem zehntägigen Cuba-Trip im letzten Dezember war das Schönste, unter den Einheimischen zu sein und das Land zu genießen. Grauenhaft war es, in den Clubs mit einer Vielzahl von betrunkenen Kanadiern Billard zu spielen. An der Universität zum Beispiel hätte ich lieber ein großes Angebot an verschiedenen Lehrveranstaltungen, die schlecht sind, als wenige, die dafür interessant und gut sind – denn dann stünden die Chancen schlecht, auch nur bei einem einzigen Kurs aufgenommen zu werden und ich würde ewig studieren. Ein Studium muss man abschließen. Böse Zungen behaupten, dass bei der wachsenden Anzahl geschenkter Maturazeugnisse heute ohnehin schon jeder studieren darf. Ein Hoch auf die Zentralmatura. Sie könnte helfen, das Problem zu lösen. Statt Masse trifft sich dann Klasse auf dem Campus der verschiedenen Hochschulen. Die Idee des Numerus Clausus ist meiner Meinung nach „beschränkter“ als das, was sie bezweckt. Man kann doch nicht die Ausbildung eines jungen Menschen von einem Tag oder meinetwegen einer Woche seines Lebens abhängig machen – außer die der Deutschen. Unsere Nachbarn kennen das von zuhause.

Beim Betreten dieser Kneipe trifft mich fast der Schlag. Hier befindet sich weder Klasse noch Masse. Die vier Mädchen, die sich an einem Tisch versammelt haben, könnten Protagonisten eines Märchens sein oder ihren eigenen Club gründen. Heutzutage werden sie ja nicht mehr verbrannt. Ich stürme so schnell ich kann aus der „Burg“, die von den zwei Rittern am Eingang besser hätte bewacht werden müssen. Ich habe einen langen Weg vor mir. Das „Molly Malone“ steht als nächstes auf meiner Liste. Ich frage mich, welches Ziel gewisse Unternehmer verfolgen wie zum Beispiel ein Designer für Klamotten, der einen namhaften Label kreiert hat. Ist es für ihn wichtig, Klasse UND Masse zu produzieren – nur Klasse oder gar nur Masse? Ich denke, die Antwort in diesem Bereich hängt von der Zeit und vom Geld ab. Am Anfang stand die Klasse im Vordergrund, denn schließlich bestimmt Exklusivität den Preis und die Reputation. Außerdem werden in hoch entwickelten Ländern wie Österreich gerne gute Jeans gekauft. Wir können es uns leisten. Wird erst einmal der Status eines Top-Labels erreicht, ändert sich die Priorität des Unternehmens. Das Design und der Designer spielen eine nur mehr untergeordnete Rolle. Was würden Sie tun, wenn die Leute Ihre Produkte gerne kaufen? Ich glaube, Sie würden versuchen, soviel wie möglich auf den Markt zu bringen. Plötzlich steht die Masse im Vordergrund. Es wird schneller produziert. Die Qualität leidet allerdings darunter. Dem Label ist es egal, solange die dummen Menschen weiterhin die angebotenen Produkte kaufen. Erst wenn der Ruf sich verschlechtert und die Verkaufszahlen zurück gehen, wird wieder umgedacht. Dann taucht erstmals die Idee auf, Klasse UND Masse herzustellen. Diese beiden Begriffe sind wie Pole! Überall, in jedem Bereich. Wer an der Spitze sein will, braucht beides und zwar zur selben Zeit.

Endlich bin ich beim irischen Pub angekommen. Zu meiner Überraschung finde ich hier Klasse und Masse – allerdings nur bei der Getränkeauswahl. Bei den Frauen dominiert hier ganz klar die Masse. Genauso stelle ich es mir auch in Irland vor. Das Konzept des Inhabers scheint demnach aufzugehen. Nach zwei kurzen Begegnungen mit John Jameson verlasse ich auch Irland enttäuscht. Wenigstens mein bester Freund steht mir noch zur Seite und hilft beim Suchen. Vom vielen Wandern und Denken gezeichnet, entschließe ich mich noch zu einem letzten Versuch. Ich wähle dafür den „Custo Club“. Eine große Schlange steht vor der Eingangstüre, und die Türsteher sind bemüht zu selektieren. Einer Gruppe hübscher italienischer Austauschschülerinnen gewähren sie den Zutritt. Auch die Polterrunde, die aus fünf wirklich schönen Frauen besteht, darf ohne Probleme passieren. Als Nächstes werden drei Mädchen zurückgewiesen. Angeblich, weil sie zu jung sind. Für mich hat es allerdings den Anschein, dass die zwei Security-Leute nur Steven Spielbergs „Jurassic Park“ nicht leer sehen wollen.

Das wunderschöne Mädchen, das vor mir in der Schlange steht und sich immer wieder lächelnd zu mir umgedreht hat, kommt sogar ohne Bezahlen in den Club. Ich glaube, dass ich endlich an der richtigen Adresse bin. Hier gibt es Klasse und zwar in Massen. Als ich eintreten möchte, stoppt mich die Hand des muskulösen Türstehers. Er schüttelt mit dem Kopf, was soviel bedeutet wie: „Du nicht!“ Er hat nichts gegen mich, doch mein bester Freund stört ihn gewaltig. Ich protestiere heftig, doch sehe bald ein dass, es keinen Sinn macht. Der Muskelmann wird seine Entscheidung nicht ändern. Am Boden zerstört mache ich mich auf den Nachhauseweg.

Zu einer Erkenntnis bin ich jedoch gelangt: Klasse UND Masse zu finden, ist ein realisierbarer Wunsch. Es ist nur verdammt schwer, ihn zu erfüllen.

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