Kopf oder Zahl?

Eine Familie, bestehend aus einem Vater, einer Mutter und ihren drei Töchtern. Der Vater, ein Autist. Die Mutter, eine psychisch extrem labile Person. Sie wohnen gegenüber von mir und ab und zu sehe ich die Mutter vor die Türe gehen. Vermutlich um einzukaufen, aber sicher bin ich mir nicht. Den Vater sieht man selten, genauso wie die drei Mädchen. Böse Zungen behaupten, dass die kranke Mutter ihre Töchter einsperrt und der Vater zu schwachsinnig ist, um zu begreifen was vor sich geht. Sie schirmt ihre Kinder komplett von der Außenwelt ab. Keiner weiß warum. Man vermutet, dass sie ihre Liebsten vor der bösen Welt und den schlimmen Menschen beschützen will. Dass ich nicht lache.

Vor genau sieben Wochen hatte Eveline ihr Heim mit den beiden ältesten Mädchen, Georgina und Samara, verlassen. Ich habe noch gesehen, wie sie in den Porsche eingestiegen und losgefahren sind. Der Vater musste zwischenzeitlich auf die Jüngste aufpassen, was sich jedoch als schrecklicher Faux-Pas herausstellte, denn das Mädchen wurde seitdem nie mehr gesehen. Ich habe ihn noch ganz genau beobachtet, wie er zusammensackte, als er merkte, dass seine liebste Tochter weg ist. Er hatte sich vor lauter Angst in die Hose geschissen. Wie sollte er seiner Frau erklären, dass die Kleine entführt worden ist und dies auch noch vor seinen Augen? Wie ein Stück Elend lag er auf dem Boden. Sein Glück jedoch ist, dass seine ehrenwerte Frau unter Tatverdacht steht. Die Behörden verdächtigen sie, ihre Tochter entführt und vermutlich sogar umgebracht zu haben. Ich muss sagen, dass das gar nicht mal so abwegig klingt. Als Polizist würde ich vermutlich genauso denken, obwohl ich mir die Frage stellen würde, was die zwei anderen Töchter in der Zwischenzeit getan haben? Stecken sie mit drin?

Es ist eineinhalb Monate her seit ich mir den rechten Fuß gebrochen habe, als ich eine ziemlich poröse Treppe hinunterstürzte und seitdem sitze ich nur noch vor meinem Fenster und beobachte dieses alte schaurige Haus meiner Nachbarn. Diese Cheeneys sind eine richtig unheimliche Familie. Irgendetwas an ihnen beschert mir eine Gänsehaut. Vor allem die Mutter, die ich Eveline getauft habe. Die übriggebliebenen Töchter, Georgina und Samara, faszinieren mich ebenfalls, wenn auch auf eine andere Art und Weise. Der Vater, den ich einfach immer nur den Vater nennen werde, ist unbedeutsam.

Die Polizei fährt gerade zum x-ten Mal heute die Straße entlang. Sie inspizieren dieses Haus ganz genau- so wie ich! Es kann mir nur recht sein. Meine Vorbilder, Ted und Jeffrey, haben mir eingetrichtert unter keinen Umständen aufzufallen. Ablenkung heißt das Zauberwort. Ein Mensch glaubt nur das, was er sieht – also muss man ihn das sehen lassen, was er glauben soll. Sie können meine Nachbarn ruhig beschatten. Solange sie sich nicht für mein Heim interessieren, ist mir alles scheißegal. Ich darf auf keinen Fall Aufsehen erregen, koste es was es wolle. Die Wahrheit ist allerdings, dass ich das nicht schaffe. Ich bin ein Spanner, ein beschissener Voyeur. Seit mich dieser Schwachkopf die Treppe hinuntergestoßen hat, bin ich mehr oder weniger an meinen Couchsessel gefesselt und mir bleibt nichts anderes übrig als aus dem Fenster zu gaffen. Fernsehapparat besitze ich sowieso keinen, denn die Strahlen sind mir zu gefährlich.

Schon wieder ein Polizeiauto!

Aber diesmal scheinen sie vor dem gegenüberliegenden Haus stehen zu bleiben. Zwei Uniformierte steigen aus und klingeln. Kaum hat Eveline die Türe geöffnet, trägt sie auch schon ein schönes Paar Handschellen – nicht so eines mit Plüsch überzogen, dass ich immer verwende, sondern ein richtiges Paar. Sie wird abgeführt. Es ist ein richtiges Spektakel, denn die zwei übrig gebliebenen Kreaturen wollen sie nicht gehen lassen. Georgina und Samara kämpfen mit den Polizisten. Sie versuchen ihre abscheuliche Mutter wieder zurück in dieses widerliche Haus zu zerren. Ich werde das Fenster ganz unauffällig öffnen, damit ich ein bisschen was von dem Geschrei mitbekomme. Ich kann nicht anders.

Was für ein Gekreische!

Schön langsam begeben sich auch die anderen Nachbarn, die mir alle gänzlich unbekannt sind, auf die Straße. Diese Schaulustigen haben offensichtlich nichts Besseres zu tun. Was soll ich jetzt machen? Soll ich auch ganz interessiert aus dem Fenster starren oder soll ich mich verdeckt halten? Welches Verhalten wäre jetzt angebracht? Wenn Ted und Jeffrey doch nur noch leben würden. Sie wüssten eine Antwort. Sie haben sie alle gefickt.

Ich gebe zu, dass ich andere Menschen nicht besonders zu leiden vermag. Ich bin ein Außenseiter. Bis auf meine zwei Vorbilder und meine Haushälterin, mag ich niemanden. Letztere füttert mich regelmäßig mit Informationen, auf die ich niemals verzichten könnte – abgesehen davon hat sie eine kranke Aura, die mir gefällt. Ohne sie würde ich nicht wissen, dass diese Familie Cheeney so verrückt ist. Niemals hätte ich von den psychischen Problemen Evelines erfahren oder von dem Autisten-Dasein des Vaters. Alles Dinge, die hilfreich sind für eine Ablenkung.

Diese Familie weckte mein Interesse. Diese kranke Bagage ist selbst für ihr Schicksal verantwortlich. Eveline, hättest du deine Kinder doch nicht immer isoliert. Nie im Leben hättet ihr meine Aufmerksamkeit erregt.

Dieses Fleisch ist vielleicht zart. Junger, sechsjähriger Lungenbraten.

Samara oder Georgina? Kopf oder Zahl? Kopf oder Zahl, verdammt noch mal?

Beruhige dich, Macaulay. Du willst doch nicht auffallen. Du musst Geduld haben ….

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