Ein Vater

Es war der erste Brief, den er seit ihrer Trennung bekommen hatte. Mit zittrigen Händen öffnete er ihn, unwissend, was ihn erwarten würde.

Zwei Monate waren vergangen, als sie die Koffer gepackt und „Lebewohl“ gesagt hatte.

„Für die Kinder“. Es wäre das Beste für die Kinder, hatte sie immer wieder gesagt. Tränen waren an ihren Wangen hinuntergeflossen. Ihre Augen waren gerötet, ihre Stimme heiser gewesen. Sie hatte ihn angeschrien – im Beisein der Kleinen. Auch sie hatten geweint. Dann waren sie verschwunden, er hatte seitdem nichts von ihnen gehört.

Bis heute. Dieser Brief war das erste Lebenszeichen.

Sein Leben hatte seit der Trennung keinen Sinn mehr. Traurigkeit bestimmte seinen Alltag, seine trostlose Existenz war erbärmlich. Er fühlte sich allein, im Stich gelassen.

Vor allem seine Kinder fehlten ihm. Nur zu gern erinnerte er sich, wie liebevoll er mit ihnen gespielt hatte. Das waren die schönsten Momente seines Lebens gewesen, er hatte sich frei gefühlt. Momente, die ihm ein erfülltes Leben beschert hatten, existierten nicht mehr. Lediglich in seinen Träumen, seiner Fantasie.

Und nun dieser Brief. Eine letzte Nachricht. Das Ende.

Es täte ihr leid, schrieb sie. Wenn es einen anderen Weg gäbe, sie hätte ihn gewählt, aber ihn zu verlassen, war das Richtige gewesen. Sie würde ihm nie verzeihen oder vergessen können, was er ihnen angetan hatte. Noch hätten sie eine Chance auf ein neues, ein besseres Leben.

Seine Augen füllten sich bei diesem Satz mit Tränen, sie tropften auf das Papier, machten den letzten Satz unkenntlich.

Er versuchte ihn zu entziffern, doch die Mühe lohnte sich nicht. Die Tinte war verschwommen, die Worte ein Meer des Jammers.

„Ich werde nicht…“ war alles, was er erkennen konnte. Die letzten Worte seiner Frau, er würde sie nie erfahren.

Mehrere Minuten saß er regungslos da, dachte über das Leben nach, über Beziehungen, Treue und Loyalität. Dabei starrte er aus dem Fenster. Draußen war es dunkel, wie auch in seinem Herzen. Er konnte nichts dafür. Sein Herz hatte nie wirklich gelebt, es war tot, schon seit er denken konnte. Wie sehr er sich auch gewehrt hatte, der Drang war stets stärker gewesen.

Er zündete sich eine Zigarette an, inhalierte das Nikotin, blies den Rauch ins Nichts. Seine Augen waren leer, er starrte immer noch ins Dunkle – direkt in sein Herz.

Dann erhob er sich, ging hinunter in den Keller und vergewaltigte das Mädchen, das er dort seit Tagen gefangen hielt.