Das Fresko

Es war ein schöner sonniger Tag. Der junge Mann – er hatte sonst nicht viel – liebte es, sich auf eine Bank zu setzen und „seine“ Wand zu betrachten. „Seine“ Wand war die Rückwand einer alten Fabrik, die an einem kleinen Fluss lag. Entlang dieses Flusses führte ein Weg.

Die Wand war mit einer wundervollen Malerei verziert – ein Fresko, das zum Träumen anregte. Immer wenn es die Zeit erlaubte, setzte er sich auf die Bank und bewunderte die schöne Malerei. Sie gab ihm Hoffnung und ließ ihn träumen. Seine Gedanken wurden von den leuchtenden Farben eingenommen, die das wesentliche Merkmal dieser Kunst waren.

Der junge Mann wusste nicht, wer es gemalt hatte – niemand wusste es – und trotzdem war es so schön, dass es ihn alles vergessen ließ.

Da ihm die Sonne ins Gesicht schien, hatte er seine Sonnenbrille aufgesetzt.

Als er sich auf die Bank setzte, spazierte ein Mann in einem Malerkostüm den Weg entlang. Den jungen Mann störte das nicht, doch das sollte sich ändern, als er einen Blick auf das Fresko warf.

Es strahlte nicht. Es war blau, alles war blau gefärbt.

Der Maler musste es übermalen haben. Bestimmt war er der Künstler gewesen, der dieses Meisterwerk geschaffen hatte. Künstler waren nie zufrieden mit ihrer Arbeit.

Hätte der Künstler nur einen Augenblick gewartet, er hätte ihm gesagt, wie wunderschön es war. Auch hätte er ihm gesagt, was es Menschen bedeuten konnte.

Der junge Mann war am Boden zerstört und verfluchte den Maler.

Am nächsten Tag ging er wieder hin. Vielleicht hatte der Maler seine Meinung erneut geändert und dem Fresko wieder seinen ursprünglichen Glanz verliehen.

Als er wenige Meter davon entfernt war, blieb er stehen. Er traute seinen Augen kaum.

Mehrere Menschen standen vor der Wand und berührten das Fresko.

Der Mann verscheuchte die Gruppe. Er war ganz aufgebracht, niemand durfte es berühren. Die Malerei durfte nicht noch mehr an Glanz verlieren.

Er starrte auf die Wand – umsonst. Der Glanz war nicht wiedergekehrt. Stundenlang saß er verzweifelt da, fummelte an seiner Brille herum und verfluchte den Maler und die Gruppe von Menschen, die „seine“ Mauer berührt hatten. Sie alle waren Schuld, dass die Malerei ihre wunderschöne Farbpracht verloren hatte.

Am nächsten Tag – als er wieder unterwegs zur Wand war – erblickte er einen Mann, der die Wand fotografierte. Er lief – wild mit den Armen gestikulierend – auf den Mann mit der Kamera zu und trieb ihn fort. Die Blitze würden das Fresko zerstören.

Verzweifelt ließ er sich auf die Bank nieder. Einst war diese Bank ein romantischer Ort, jetzt herrschte hier Depression und Leere.

Die Malerei war immer noch blau.

Er verfluchte den Fotografen, die Schaulustigen, den Maler – er verfluchte sie alle. Sie hatten aus dem wunderschönen, romantischen Fresko das gemacht, was es jetzt war. Nichts.

Mit der Zeit kam ein alter Mann vorbei und setzte sich zu ihm auf die Bank.

„Was hast du mein Junge? Es scheint, du haderst mit Gott und dir selbst.“

„Ach, alter Mann. Siehst du das Fresko? Früher liebte ich es, denn es war wunderschön. Es war hell und man hatte sich vor den strahlenden Farben kaum wehren können. Und jetzt ist es der Rede nicht mehr wert. Früher gab es mir Hoffnung, jetzt bereitet es mir Schmerz und Leid. Neulich war ein Maler da, dieser hat es übermalen. Dann haben fremde Menschen es berührt und verschmutzt und heute sah ich einen Fotografen, der dem Fresko mit seinen Blitzen vermutlich die letzte Farbpracht genommen hat.“

Der Alte hörte aufmerksam zu, um dann seine ganze Weisheit zu versprühen.

„Junge, hör mich an. Es ist nicht so, wie du denkst. Das Fresko ist so wunderschön wie eh und je. Es spendet Hoffnung und evoziert das Träumen am Tag. Nur du siehst es nicht richtig. Deine Sicht ist beschränkt. In deinem Kopf ist es verstrickt, du stehst dir selbst im Weg – und das trübt deinen Blick. Das Leben ist nicht schwerer, als es ist – deshalb zerbrich dir nicht den Kopf. Oft sind es Kleinigkeiten, die dein Leben dunkler machen.“

Der alte Mann lächelte, ging von dannen und ließ den jungen Mann zurück, der – auch wenn er einsam und verlassen wirkte – innerlich kochte.

Wütend nahm der Junge seine Brille vom Kopf und schleuderte sie dem Alten nach. Sie fiel auf den Boden und ihre blauen Gläser zersprangen in tausend Stücke. Der Alte spazierte unbekümmert weiter, es störte ihn nicht. Er wusste, was jetzt passieren würde.

Für den jungen Mann erstrahlte das Fresko in seinem ursprünglichen Glanz.

 

Goo Goo Dolls – Acoustic #3